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Doping-Skandal
Olympia-Aus für russische Athleten rückt näher

Doping-Skandal: Olympia-Aus für russische Athleten rückt näher
Der Doping-Skandal stürzt den russischen Sport in eine tiefe Krise. FOTO: dpa, ks nic
Die jüngsten Enthüllungen über Doping-Praktiken bei Olympia 2014 in Sotschi stellen den Start russischer Athleten bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro generell in Frage.

Der russische Sport versinkt im Dopingsumpf und stürzt das Internationale Olympische Komitee (IOC) in eine schwere Krise: Die jüngsten Enthüllungen über zum Teil abenteuerliche Doping-Praktiken russischer Athleten bei Olympia 2014 in Sotschi erschüttern die Sportwelt und stellen den Start russischer Athleten bei den Sommerspielen in Rio (05. bis 21. August) mehr denn je in Frage.

"Die Vorwürfe wiegen schwer. Wenn in Russland so systematisch gedopt wird, sollte die gesamte russische Mannschaft nicht bei Olympia in Rio starten", fordert Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Russland setzte sich zur Wehr, sogar der Kreml schaltete sich ein. Bei den Vorwürfen handele es sich "um Verleumdungen eines Deserteurs", wie Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte.

Mit Deserteur ist der Kronzeuge Gregori Rodtschenkow gemeint. Der ehemalige Chef des Dopinglabors in Sotschi lebt nach seiner Kündigung in den USA und hatte der New York Times von einem staatlich gelenkten Doping-Programm während Olympia in dem russischen Schwarzmeerort berichtet. Dutzende Sportler des Gastgebers sollen bei den Winterspielen vor zwei Jahren gedopt gewesen sein, darunter 15 Medaillengewinner.

Mit Methoden wie in einem Krimi soll das staatlich gestützte Dopingsystem in Sotschi gegriffen haben. Urinproben wurden ausgetauscht und durch ein Loch in der Wand in einen als Abstellkammer deklarierten Raum weitergereicht. Dort kam es nachts zu Manipulationen.

"Wenn das systematisch und mit entsprechenden Ressourcen langfristig vorbereitet wird, dann ist ein solches Szenario denkbar", sagte Dopingexperte Mario Thevis dem SID. Der Kölner Forscher war in Sotschi selbst dabei, gehörte zu den 20 internationalen Experten, die für die Vorgänge im Labor verantwortlich waren. Doch jeder Experte hatte immer nur Einblicke in ein, zwei Büros und konnte nicht die gesamten Sachverhalte rund um die Proben verfolgen. "Das Problem ist doch, dass die Dopingproben gelagert wurden, ohne dass unabhängige Beobachter darauf Zugriff hatten", sagte Doping-Experte Fritz Sörgel dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Russland indes wittert eine Verschwörung und wettert gegen Whistleblower Rodtschenkow. "Er hat sehr viele Regeln gebrochen, und als das festgestellt wurde, hat man ihn gefeuert", sagte Sportminister Witali Mutko. Die von Rodtschenkow namentlich beschuldigten Olympiasieger Alexander Subkow (Bob), Alexander Legkow (Langlauf) und Alexander Tretjakow (Skeleton) wiesen die Vorwürfe bereits zurück.

Das IOC hat auf alle Fälle ein Riesenproblem. Offiziell will die Ringe-Regierung erst einmal die Untersuchungen der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) abwarten, doch schon jetzt ist der Skandal in der Welt. Immer wieder hatte IOC-Präsident Thomas Bach schützend die Hand über die Gigantismus-Spiele in Sotschi gehalten, hatte erklärt, dass mit den Dopingkontrollen alles sauber über die Bühne gegangen sei. Doch nun scheint es dort ein staatlich kontrolliertes Doping gegeben zu haben - Putin liefert Bach damit der Lächerlichkeit aus.

Bachs früherer Verband, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), sprach von einem "Skandal", sollten russische Offizielle systematisch Dopingproben verfälscht haben. Das müsse Folgen haben. "Es geht darum, die Chancengleichheit für alle Athletinnen und Athleten zu wahren, und das insbesondere auch bei den bevorstehenden Spielen in Rio", sagt der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper.

Die ersten Konsequenzen dürfte der russische Sport im Juni zu spüren bekommen, wenn die Regierung (Council) des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF über die Wiederaufnahme in den Weltverband IAAF und den Start in Rio entscheidet. Im Anschluss könnte der komplette Ausschluss folgen, der auch Kenia droht, da die WADA das ostafrikanische Land als "nicht regelkonform mit dem Anti-Doping-Code" eingestuft hat. "Es wäre schade, wenn die großen Sportnationen Russland und Kenia in Rio nicht dabei wären. Aber es wäre noch schlimmer, wenn Manipulationen nicht konsequent bestraft würden", sagte Prokop.

(sid)
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