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Zwischenbilanz der Spitzensportförderung
Verbände hadern mit Leistungssportreform

Die wichtigsten Punkte der Leistungssport-Reform
Die wichtigsten Punkte der Leistungssport-Reform
Düsseldorf. Seit einem Jahr baut Deutschland die Spitzensportförderung um. Die Zwischenbilanz klingt vielerorts ernüchternd. Kritisiert werden vor allem ausbleibende Mittel und der Zwist zwischen DOSB und Politik. Von Stefan Klüttermann

Vor einem Jahr beschlossen die Mitglieder des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) die Leistungssportreform. Ziel des Gemeinschaftsprojekts mit dem Bundesinnenministerium (BMI) ist ein "messbarer Zusammenhang zwischen Potenzial, Förderung und Erfolg". Im Bewusstsein darüber, dass die staatlichen Fördermittel begrenzt sind, sollen die vorhandenen Gelder künftig auf die perspektivreichsten Athleten und Disziplinen verteilt werden. Erste positive Effekte sollten gerne auch schon bei den Spielen 2020 in Tokio erkennbar sein.

Unsere Redaktion wollte nun wissen, welches Zwischenfazit Spitzenverbände nach dem ersten Jahr Leistungssportreform und vor der Mitgliederversammlung des DOSB am Samstag in Koblenz ziehen.

Das sagt der DOSB (Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport):

"Der Reformprozess ist durch große Veränderungen in der Leistungssport-Struktur geprägt und deshalb auch langfristig angelegt. Dennoch sind wir in einigen Punkten sehr weit vorangekommen. So ist die neue Kaderstruktur nicht nur einvernehmlich definiert, sondern bereits weitgehend umgesetzt. Gemeinsam mit den Spitzenverbänden und den Landessportbünden wurde ein stimmiges Konzept für die künftige Stützpunktstruktur entwickelt.  Baden-Württemberg hat als eines von drei Ländern, in denen große Veränderungen anstanden, bereits die neue Struktur der Olympiastützpunkte mit einem Rechtsträger und drei Außenstellen umgesetzt. Die Potas-Kommission hat große Fortschritte erzielt. Der Sport hat somit seine Hausaufgaben gemacht. Entscheidend wird natürlich nun die Finanzierung sein."

Das sagt der Deutsche Leichtathletik-Verband 

"Ein Fazit der Leistungssportreform ein Jahr, nachdem die DOSB-Mitgliederversammlung diese Reform mit sehr großer Mehrheit beschlossen hat, lässt sich nur bedingt ziehen. Unstrittig bedarf die Förderung des deutschen Spitzensports einer Weiterentwicklung und letztlich einer Reform. Ein Fazit kann jedoch erst nach einer wirklichen Umsetzung und den sich dann abzeichnenden Entwicklungen gezogen werden. Die Verantwortlichen führten in den vergangenen Monaten sehr intensive und aufwendige Verbandsgespräche mit den Spitzenfachverbänden. Vielfältige Analysen wurden entwickelt und anschließend bewertet. Hinzu kamen Ideen für die Optimierung der sportwissenschaftlichen Begleitung des Trainings und Innovationsmöglichkeiten, die diskutiert wurden. Neue Kooperationsvereinbarungen wurden in diesem Sinne getroffen. Eine veränderte Kaderstruktur wurde entwickelt und ab dem 01.12.2017 in allen Sommersportarten eingeführt. Darüber hinaus wurde die Thematik der dualen Leistungssportkarriere intensiv diskutiert. Acht Bundesländer bieten eine Vorab-Quote Leistungssport für ein Studium an. Modelle der Unterstützung der Athleten nach ihrer Leistungssportkarriere sind geplant. Im Rahmen der Ausrichtung der künftigen Förderung wurden jedoch auch die zum Teil sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Sportarten nur bedingt berücksichtigt. Dies gilt speziell für die höchst unterschiedliche internationale Konkurrenzsituation der jeweiligen Sportarten. Weitere Themenfelder des Eckpunktepapiers zur Strukturreform bis hin zur geplanten substanziellen und nachhalten Erhöhung der Finanzierung für die Spitzensportförderung konnten bisher nicht geklärt werden. Im Mittelpunkt des Reformprozesses sollen die Athleten und Trainer stehen. In ihrem Sinne und auch mit Blick auf die Vorbereitung der folgenden Olympischen Spiele bedarf es der schnellen Klärung der offenen Fragen und des Abbaus der Irritationen zwischen DOSB und BMI."

Das sagt die Deutsche Reiterliche Vereinigung (Dennis Peiler, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR):

"Die Leistungssportreform wurde bei der DOSB-Mitgliederversammlung 2016 mit großer Mehrheit beschlossen. Wir sind auch weiterhin der Meinung, dass diese Reform und der damit eingeschlagene Weg, bei der Vergabe von Fördermitteln künftig mehr auf die Perspektive als auf vergangene Erfolge der einzelnen Sportarten zu blicken, richtig und notwendig ist. Dass die Umsetzung der einzelnen Maßnahmen eine gewisse Zeit benötigt, war absehbar und ist für uns auch verständlich. Deshalb ist es aus unserer Sicht noch zu früh für Wasserstandsmeldungen. Dem weiteren Reformprozess blicken wir aber optimistisch entgegen."

Das sagt der Deutsche Fechter-Bund (Präsidentin Claudia Bokel):

"Die Reform zeigt bislang wenig Wirkung. Umgesetzt wurde die Kaderstruktur (vom ABC- zum Olympia-, Perspektiv-, Aufbaukader). Eine Reduzierung der Anzahl der Kader war die Folge. Eine bessere individuelle Förderung ist damit aber leider noch lange nicht umgesetzt. Wir haben die Bundesstützpunkt-Strukturen im DFB geschärft, dafür aber viele Schläge aus den Landesverbänden bekommen. Es gibt (noch) nicht mehr Mittel. Die gewünschte und dringend notwendige zentrale Steuerung durch hauptamtliche Bundesstützpunkt-Leiter steht in den Sternen. Gut ist deshalb, dass wir uns bewegen (neue Kader- und Bundesstützpunkt-Struktur, mehr zentrale Maßnahmen, klar gesteuerte Nachwuchs-Maßnahmen, stärkere Einbindung von Leistungsdiagnostik usw.), aber wir müssen mit dem selben Budget auskommen und haben keine Planungssicherheit für 2018. Wir sind bereit, neue Strukturen umzusetzen und uns neu aufzustellen. Allerdings können wir keine Berge versetzen, wenn die finanziellen Rahmenbedingungen so bleiben oder besser gesagt, noch unplanbarer werden als bisher."

Deutscher Judo-Bund (Präsident Peter Frese):

"Es hat sich nicht viel tun können, denn wir haben ja nicht die finanziellen Mittel bekommen, die wir brauchen. Insofern haben wir bislang nur Pläne. Es herrscht deswegen auch viel Unruhe, aber es wäre unfair, jetzt irgendjemandem den Schwarzen Peter zuzuschieben, denn durch die politische Situation aktuell im Bund ist es ja für alle eine Hängepartie. Mit Blick auf die Spiele in Tokio 2020 glaube ich aber, dass die Reform sich noch nicht signifikant auswirken wird."

Das sagt der Deutsche Verband für Modernen Fünfkampf (Präsident Michael Scharf - parallel Leiter des Olympiastützpunkts Rheinland):

"Aus meiner Sicht leidet die Leistungssportreform an vier gravierenden Baustellen. Erstens sind sich BMI und DOSB über viele Themen uneins, zum Beispiel in der Frage der Bundesstützpunkte. Außer viel hin und her hat sich hier nicht viel ergeben. Zweitens ist die Mittelvergabe an die Verbände weiter unklar. Und im Gegensatz zum paralympischen Sport (dieser hat ab 2017 1,5 Mio. Euro Mittelaufwuchs erhalten) haben die Olympischen Verbände, selbst bei noch so starken Argumenten, keine zusätzlichen Finanzmittel erhalten. Deswegen ist für mich der Zug für die Spiele 2020 in Tokio jetzt schon abgefahren. Drittens ist es bezeichnend, dass die Athleten ihren eigen Verein gegründet haben, um ihre Interessen besser zu vertreten. Dabei sollten sie doch im Zentrum der Reform stehen. Viertens gibt es bei der Reform keine Abstimmung zwischen Bund und Ländern. Wir können auf Bundesebene noch so sehr die Top-Athleten fördern, es wird langfristig nichts bringen, wenn wir auf Länderebene den Nachwuchs nicht genauso fördern."

Das sagt der Deutsche Hockey-Bund (Präsident Wolfgang Hillmann):

Der DHB ist Mitglied der Solidargemeinschaft DOSB. Der DHB wird sich verantwortlich einbringen in die am kommenden Wochenende stattfindende DOSB Mitgliederversammlung und sich somit erst danach äußern."

Das sagt der Deutsche Turner-Bund (DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam):

"Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat sich bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) 2016 in Magdeburg eindeutig zur Umsetzung der Leistungssportreform bekannt und arbeitet seit dem kontinuierlich an deren Umsetzung. So wurde gemeinsam mit dem DOSB im Rahmen des Verbandsgespräches 2017 die Struktur der Bundesstützpunkte auf ihre Effizienz analysiert und zukunftsfähig neu aufgestellt, die potenziellen Kaderathleten zur optimierten Zielerreichung für 2020 und 2024 benannt und die notwendigen Bedarfe, sowohl in Form von Vorbereitungs- und Wettkampfmaßnahmen als auch im Hinblick auf zusätzliches Leistungssportpersonal, ermittelt. Neben der zu optimierenden professionellen Ausstattung an Stützpunkttrainern sind die Bereiche Athleten-Management und der "Wissenstransfer" aus den vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Verbandsarbeit stärker einzubinden. In diesem Prozess sehen wir uns zusammen mit dem DOSB sportfachlich und sportpolitisch als einvernehmliche Partner.

Der seinerzeit von der Bundespolitik in Aussicht gestellte "signifikante Mittelaufwuchs" hat sich leider bis zum heutigen Zeitpunkt nicht eingestellt, sodass die dynamische Umsetzung der Konzeptionen nicht zufriedenstellend verläuft. Die Verzögerung könnte sich bereits kurzfristig auf die gewünschten Erfolge bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 niederschlagen.

Auf Grund unserer föderalen Struktur des Leistungssports in Deutschland sind u.a. Probleme in der Abgrenzung der Aufgaben und deren Finanzierung zwischen Bund und Ländern zu Tage getreten, deren Lösung kurzfristig nicht zu erwarten ist. Ferner sind die Abstimmungsprozesse zur Förderung der AthletenInnen zwischen der Stiftung Deutsche Sporthilfe und dem DOSB nicht befriedigend umgesetzt. Der berufenen PotAS Kommission und deren Ergebnissen wird von daher eine Erwartungshaltung zur allgemeinen Problemlösung aufgebürdet, der sie in dieser Form voraussichtlich nicht gerecht werden kann."

Das sagt der Deutsche Kanu-Verband (Präsident Thomas Konietzko):

"Die Erwartungshaltung in unserem Verband war mit dem Beginn der Diskussion um Reformen im deutschen Leistungssport groß und ist nach 2 Jahren Diskussion ohne konkrete Ergebnisse momentan eher ernüchternd. Athleten und Trainer wurden im Verlauf der Diskussion eher  verunsichert und fordern zu Recht konkrete Ergebnisse an,  um sich langfristig in einem noch professionelleren Umfeld auf ihren Sport konzentrieren zu können. Uns ist bewusst, wie kompliziert die Zuständigkeiten im deutschen Leistungssport sind und das es einer enger und kollegialen Zusammenarbeit von allen an der Diskussion beteiligten Partner bedarf , um die optimale Verzahnung zwischen den Verantwortungsebenen im deutschen Sport herzustellen. Allerdings befinden wir uns im Wettbewerb mit anderen Nationen, die deutlich mehr Geld in den Sport und damit in die Athleten investieren, und  deshalb müssen wir schnell zu abschließenden Lösungen kommen. Meines Erachtens krankt die gesamte Diskussion auch  daran, dass es mit Beginn der Diskussion keine  gründliche und objektive  Gesamtanalyse der Stärken und Schwächen im deutschen Leistungssport gab, sondern die Verantwortlichen von BMI, den Ländern aber auch vom DOSB bereits mit vorgefertigten Meinungen diese Diskussion begannen und vorrangig das Ziel hatten, ihre Vorstellungen durchzusetzen."

Das sagt die Arbeitsgemeinschaft der Wintersportverbände:

1) Die Wintersportverbände stehen nach wie vor zur Leistungssportreform und deren Eckpunkte mit der Zielsetzung im internationalen Wettbewerb noch erfolgreicher zu werden. 

2) Die Richtlinienkompetenz und die Fachaufsicht im Leistungssport und im Nachwuchsleitungssport liegt im Sinne der Autonomie des Sports bei den Spitzensportverbänden. 

3) Im Sinne einer sportfachlichen Führungsrolle erkennt die ARGE Wintersport die wichtige Koordinationsfunktion des DOSB ausdrücklich an. In diesem Zusammenhang ist die in den Grundlagenpapieren zur Leistungssportreform dargestellte Subsidiarität der öffentlichen Zuwendungsgeber zu betonen. 

4) Für die Wintersportverbände ist nur schwer nachvollziehbar, dass die zeitlichen Planungen zur Umsetzung der einzelnen Schritte der Reform nun seit längerem ins Stocken geraten sind. 

5) Dies ist den Vorgaben und Zielen der Reform wenig förderlich und trägt zur erheblichen Verunsicherung innerhalb der Verbände bei. "So droht aufgrund der derzeitigen mangelnden Planungssicherheit ein weiterer Verlust von Athletinnen und Athleten sowie Trainerinnen und Trainern, die sich vom Leistungssport ab- und einer beruflichen Karriere außerhalb des Leistungssports zuwenden" (Zitat aus dem Statement der Landessportverbände vom 20.10.2017, welches die ARGE Wintersport unterstützt). 

6) So sind Fortschritte in der Arbeit der PotAS Kommission nicht ersichtlich. Dies gilt u.a. auch für die im Sinne einer Verschlankung zu überarbeitenden Attributen- und Unterattributenliste. Das von der ARGE Wintersport geforderte Gespräch zur Umsetzung der PotAS Berechnung hat bislang nicht stattgefunden. Darüber hinaus sollte die Unabhängigkeit der PotAS-Kommisssion verbindlich geklärt werden. Doppelungen mit den Strukturgesprächen sind zu vermeiden. 

7) Der konkret zu beziffernde Mittelaufwuchs muss verstärkt und transparent in die Diskussion eingebracht werden, um die Planungshorizonte der Spitzenverbände im jeweiligen Olympiazyklus abzusichern.

8) Ein signifikanter Aufwuchs in der Trainingsstättenförderung ist zu begrüßen und essentiell für die Entwicklung im Spitzen- und Nachwuchsleitungssport. In der übergreifend anerkannten und notwendigen Ausweitung der Trainingsstättenförderung sollten die Spitzensportverbände gemeinsam mit dem DOSB, zumindest ein entscheidendes Mitspracherecht bei der Verteilung der Mittel haben. Dies kann nicht der Politik/Verwaltung überlassen werden. 

9) Der Nachwuchsleitungssport muss als entscheidende Schnittstelle zum Spitzensport noch stärker in den Fokus der Reform gerückt werden. Entsprechend gilt es, die Verzahnung zwischen Bund und Land sowie die Koordination der Bundes- und Landesstützpunkte zu konkretisieren. In diesem Zusammenhang bedarf es auch verbindlicher Verabredungen zur künftigen Kaderstruktur. 

Die Professionalisierung des hauptberuflichen Leistungssportpersonals hat völlig zu Recht eine hohe Priorität. Besonderes Augenmerk gilt hierbei einer professionellen Trainerausbildung/-qualifikation als einer der zentralen Punkte der Reform.

 
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