Nach Olympia ist vor Olympia: Wir zeigen Ihnen, wo die deutschen Olympiasieger von Peking rund 200 Tage vor London stehen.
Britta Steffen
Sportart: Schwimmen (Freistil)
Die Doppel-Olympiasiegerin von 2008 musste bei der Schwimm-WM 2011 in Shanghai mit der vorzeitigen Abreise ihre vielleicht größte sportliche Niederlage wegstecken, "Peinlichkeit, Schwäche und Scham" empfand sie. Jetzt ist die Berlinerin wieder auf Kurs. Sie will vor London mehr Wettkämpfe als sonst schwimmen, zuletzt holte sie dreimal Gold bei der Kurzbahn-EM in Stettin. "Der aufgezeigte Weg ist also der richtige", sagte sie. Vor Monaten hatte sie betont: "Wenn ich gesund durchkomme, kann ich wieder die Super-Britta werden."
Britta Heidemann
Sportart: Fechten (Degen)
Mit dem Vorrunden-Aus und Platz 126 bei der WM 2011 in Catania erlebte die für Leverkusen startende Kölnerin ein Debakel. "Ich bin natürlich selbst geschockt" - so reagierte sie auf ihren Absturz. Selten erlebte die Fecht-Welt eine ratlosere Degen-Olympiasiegerin, die beim Europa-Championat im Sommer 2011 in Sheffield noch Silber gewonnen hatte. In der Branche wurde nach der WM gemunkelt, ob sich die mittlerweile 29-Jährige als Buchautorin ("Erfolg ist eine Frage der Haltung") und mit vielen anderen Tätigkeiten abseits der Planche nicht etwas übernommen hat. Die London-Teilnahme ist fraglich.
Benjamin Kleibrink
Sportart: Fechten (Florett)
Nach seinem Peking-Triumph mit dem Florett tauchte Kleibrink erstmal ab, nahm sich eine Auszeit und wechselte vom OFC Bonn nach Tauberbischofsheim.
In der vorolympischen Saison beutelte es Kleibrink heftig: Ein Motorradunfall im April 2011 bescherte ihm eine lange Zwangspause.
"Das war schon sehr traurig, aber ich schaue nach vorn." Die WM in Catania war dann - zumindest im Teamwettbewerb - eine Art Wiedergeburt für den Linkshänder: Sein Auftritt auf der Planche erinnerte an goldene Zeiten - und über die Mannschaftswertung hofft Kleibrink noch auf den Olympiastart 2012.
Ole Bischof
Sportart: Judo
Judoka Ole Bischof steht auf dem erhofften Weg zu den Sommerspielen ein heißer Winter bevor. Bei drei hochkarätig besetzten Turnieren geht es für den Peking-Olympiasieger in den kommenden Wochen darum, sich das Ticket für London im Zweikampf mit Herausforderer Sven Maresch zu sichern. "Wir sind so nah beieinander. Aber Olympia ist anders, Olympia bedeutet Druck. Ich denke, dass ich der richtige für Olympia bin", sagt Routinier Bischof. Männer-Bundestrainer Detlef Ultsch hat die Qual der Wahl, doch er betont: "Lieber so eine Entscheidung als gar keine Chance. Eines ist nämlich sicher: Derjenige, der fährt, kämpft auch um die Medaillen."
Jan Frodeno
Sportart: Triathlon
Seit seinem Coup in Peking lief für Triathlet Jan Frodeno nicht mehr viel zusammen. 2009 und 2010 beendete der 30-Jährige aus Saarbrücken die World Championship Series jeweils als Gesamt-Vierter. Der letzte Sieg in einem WM-Rennen gelang ihm im Mai 2010 in Seoul. Im Sommer desselben Jahres war Frodeno am Ende mit seinem Kräften: Diagnose Burnout. Im vergangenen Jahr konzentrierte sich Frodeno auf die Olympia-Qualifikation. Mit einem elften Platz im WM-Rennen auf der Olympia-Strecke in London holte er sich gerade eben das Ticket für 2012. Um in London zum Erfolg zu kommen, greift er auf Bewährtes zurück: Er kopiert das Programm, mit dem er sich auf Olympia 2008 vorbereitete.
Matthias Steiner
Sportart: Gewichtheben
Matthias Steiner muss sich nach dem Einriss der Quadrizepssehne im linken Bein und der notwendigen Operation in diesem Frühjahr erst wieder an seine alte Form herantasten. Die Weltmeisterschaften im November in Paris fanden ohne den Olympiasieger statt, die Olympischen Spiele in London sollen es nicht. "Olympia ist sehr realistisch", sagt der 146-Kilo-Recke. "Das ist eine echte Herausforderung für mich."
Sabine Spitz
Sportart: Mountainbike
Im stolzen Alter von 40 Jahren will es Spitz in London noch einmal wissen, allerdings scheinen die Medaillenränge in einiger Entfernung zu liegen. Nach ihren Olympiasieg begann für die konsequente und durchaus glaubhafte Anti-Doping-Kämpferin eine harte Zeit. Ende 2009/Anfang 2010 musste die zehnfache deutsche Meisterin zwei Operationen wegen muskulärer Probleme im Leistenbereich über sich ergehen lassen. Das Comeback fiel ihr nicht leicht, obwohl es 2010 und 2011 wieder zu nationalen Titeln und zu zwei Vize-Weltmeisterschaften im Mountainbike-Marathon reichte.
Hinrich Romeike
Sportart: Vielseitigkeitsreiten (Einzel)
Der Doppel-Olympiasieger Hinrich Romeike hat seit dem Triumph von Hongkong sportlich schwere Zeiten erlebt. Der Hobby-Reiter aus dem schleswig-holsteinischen Nübbel, der sein Geld als Zahnarzt verdient, konnte seit drei Jahren kein großes Turnier mehr reiten. Sein Toppferd Marius war mehrfach verletzt, der Comeback-Versuch vor der WM 2010 scheiterte. Romeike hat nur noch minimale Hoffnung, dass sein Schimmel wieder rechtzeitig in Form kommt, um sich für London zu qualifizieren. "Wir probieren es und schauen mal", sagte Romeike
Peter Thomsen, Frank Ostholt, Hinrich Romeike, Ingrid Klimke, Andreas Dibowski
Sportart: Vielseitigkeitsreiten (Team)
Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben sich in der Weltspitze etabliert. Dass das Gold von Hongkong kein Zufall war demonstrierten sie vor allem bei der Heim-EM 2011 mit dem Sieg in der Teamwertung und dem Gewinn aller drei Einzel-Medaillen. Der neue Star im Team ist Michael Jung, der als Einzel-Weltmeister von 2010 auch in London der große Favorit ist. Die 2008-Olympiasieger Ingrid Klimke, Peter Thomsen, Andreas Dibowski und Frank Ostholt dürfen auf einen erneuten Olympia-Start hoffen. Sie sind allesamt Mitglieder des aktuellen Championats-Kaders.
Heike Kemmer, Nadine Capellmann, Isabell Werth
Sportart: Dressurreiten (Team)
Der Sieg in Hongkong brachte das bisher letzte Gold für die zuvor vom Erfolg verwöhnten deutschen Dressurreiter. Bei den anschließenden Welt- und Europameisterschaften gewannen zunächst die Niederländer und zuletzt die Briten. Nadine Appelmann und Heike Kemmer, die 2008 zum deutschen Gold-Team gehörten, haben keine passenden Pferde für London. Allein Isabell Werth dürfte aus diesem Trio auch dieses Jahr dabei sein. "Die anderen haben uns überholt, wir müssen uns anstrengen, um Anschluss zu finden", sagte die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt.
Lena Schöneborn
Sportart: Moderner Fünfkampf
Lena Schöneborn darf getrost von einem zweiten Olympia-Gold träumen. Die 25-Jährige hat sich in der Weltspitze festgesetzt. Die Weltcup-Gewinnerin und Europameisterin kam bei der WM im vergangenen Jahr im Einzel auf Platz fünf, trotz eines Handicaps. "Ich habe viel nachgedacht über eine Fußverletzung, die ich bei der WM-Vorbereitung erlitten hatte. Es war ein Kopfproblem", berichtete Schöneborn. Für Edelmetall reichte es aber trotzdem, denn Schöneborn schaffte nach Gold in der Teamwertung auch noch den zweiten Platz Staffel-Wettbewerb.
Alexander Grimm
Sportart: Kanu-Slalom (Kajak)
Für den ersten deutschen Olympiasieger der Sommerspiele in Peking wird der Weg zur Titelverteidigung besonders hart. Denn pro Disziplin darf nur ein deutsches Boot nach London und die Leistungsdichte im Deutschen Kanu-Verband ist enorm hoch. Aber in Sachen Nervenstärke macht dem Augsburger im eigenen Team keiner etwas vor. Wiederholt sicherte er sich im letzten Moment noch das Ticket für das jährliche WM-Team, das jedes Jahr neu zusammengesetzt wird. Die Olympia-Mannschaft wird in einem ähnlich gnadenlosen Auswahlverfahren ausgesucht - und Grimm setzt neben körperlicher Stärke auf seine guten Nerven.
Fanny Fischer, Nicole Reinhardt, Katrin Wagner-Augustin, Conny Waßmuth
Sportart: Kajak (Vierer)
In dieser Formation wird das Boot in London keine Medaille holen, denn Fanny Fischer hat ihre junge Karriere im Vorjahr beendet. Nach Babypause zurück im Trainingsboot ist die viermalige Olympiasiegerin Katrin Wagner-Augustin, dazu hat auch Rekord-Olympionikin Birgit Fischer ein Comeback-Vorhaben gestartet.
Egal in welcher Besatzung: Der Kajak-Vierer der Damen hat seit 1996 viermal nacheinander Gold bei Olympia gewonnen. Die Plätze im Boot werden nach harten internen Duellen vergeben.
Andreas Ihle/Martin Hollstein
Sportart: Kajak (Zweier)
Überlegen fuhren die beiden in Peking zum Olympiasieg, ein Jahr später fielen sie bei der internen Ausscheidung durch. Doch nach dem Ausrutscher 2009 kehrten sie 2010 als Weltmeister an die Spitze zurück. Im Vorjahr bei der WM im Windpech, aber das Duo will sich dadurch nicht von seinem Olympia-Weg abbringen alles. Im Gegenteil: Platz fünf von Szeged dürfte nur noch mehr anspornen. Hart wird die interne Ausscheidung bei den Kanuten wie immer werden, die beiden haben aber gute Chancen auf das Ticket.
Hockey-Herren
Die deutschen Hockey-Herren haben sich auch nach ihrem Olympiasieg 2008 in der Weltspitze gehalten. Nach Vize-Europameisterschaft 2009 und Vize-Weltmeisterschaft 2010 gelang 2011 nach achtjähriger Abstinenz wieder der Sprung ganz nach oben aufs Treppchen bei einer EM. Damit zählt das Team in London den heißen Medaillenkandidaten. Coach ist nach wie vor Markus Weise, dem als bisher einzigem Hockey-Trainer das Kunststück gelang, erst die deutschen Damen (2004 in Athen) und dann die Herren zum Olympia-Triumph zu führen. Fraglich ist noch, ob die 2008er-Goldjungs Christopher Zeller (Köln/seit Monaten dauerverletzt) und Moritz Fürste (Hamburg/Kreuzbandriss nach der EM) fit werden.