| 18.32 Uhr

Paralympics-Sieger Popow
"Inklusion im Leistungssport gibt es nicht"

Heinrich Popow vor Paralympics: "Inklusion im Leistungssport gibt es nicht"
Heinrich Popow wurde vor vier Jahren Paralympics-Sieger über die 100 Meter. FOTO: afp, GLYN KIRK
Leverkusen. Paralympics-Sieger Heinrich Popow spricht über seine vielleicht letzten Spiele in Rio, den Fall Markus Rehm und die Vergleichbarkeit von Leistungen. Von Stefanie Sandmeier

Herr Popow, Sie sind schon zwei Wochen vor Ihrem ersten Wettkampf bei den Paralympics nach Rio gereist.

Popow Aber nicht, weil ich erst noch Urlaub machen will (lacht). Es bringt nichts, erst fünf Tage vor dem Wettkampf anzureisen. Die braucht man allein, um sich zu akklimatisieren. Es gab Olympioniken, die sich darüber beklagt haben. Dann frage ich mich: Warum lassen die ihre Business-Class-Flüge nicht weg? Bei uns fliegt keiner Business, das spart Kosten, dafür sind wir früher da. Wir reisen als Team geschlossen an und können die Eröffnungsfeier mitmachen. Ich freue mich tierisch darauf.

Sie haben eine zweijährige Verletzungs-Odyssee hinter sich. Hatten Sie Zweifel, es nach Rio zu schaffen?

Popow Ehrlich gesagt: ja. Nach meiner Fußverletzung im Oktober, die mich die WM kostete, habe ich zum ersten Mal richtig geweint. Ich war am Boden; habe überlegt, ob es noch Sinn macht, sich für Rio zu quälen. Aber ich wollte nicht mit einer Verletzung aufhören. Rückblickend war die Zeit sogar positiv.

Wie meinen Sie das?

Popow Man fängt als junger Mensch naiv mit dem Sport an, hat glücklicherweise eine erfolgreiche Karriere – bekommt dann aber wie in meinem Fall knallhart die Mechanismen des Profi-Sports zu spüren. Unser Präsident hat in der Verletzungszeit immer den Kontakt zu mir gehalten, auch der Bundestrainer hat mich unterstützt. Aber vielen anderen war ich egal. Plötzlich stellst du fest: Als Athlet bist du nur Mittel zum Zweck. Nach dem Motto: Wenn du es nicht mehr bringst, bringt es eben jemand anderes.

Sie haben sich all die Jahre erfolgreich dagegen gewehrt, der klassische Leistungssportler zu sein, der sich in ein Raster pressen lässt.

Popow Der Leistungssport ist ein Geschäft, an dem ich so nicht teilnehmen will. Ich will mir nicht vorschreiben lassen, wie oft ich trainieren muss und was ich zu sagen habe. Ich bin ein Lebemensch, ich brauche Spaß, um meine Leistung zu bringen. Wenn du den nicht hast, weil du deiner Persönlichkeit keinen Freiraum schenkst, hast du ein Problem. Dazu gehört in Zeiten ohne Wettkampf auch mal eine Party. Ich habe zum Glück einen Trainer, der mir Freiräume lässt. Wir pflegen das Prinzip: lange Leine, kurze Leine. Zurzeit bin ich an der kurzen Leine (lacht). Aber so fühle ich mich wohl, ich vertraue ihm. Wir haben bewiesen, dass damit Paralympics-Siege und Weltrekorde entstehen können.

Es gibt Leute, die kritisieren Sie dafür.

Popow Vor den Paralympics in London wurde mir Faulheit unterstellt. Dann habe ich Gold gewonnen. In unserem verkrampften System ist es leider so: Wenn du nicht dem Raster entsprichst, musst du dich rechtfertigen. Das ist ein Problem des Sports in Deutschland. Freaks oder Persönlichkeiten, die einen anderen Weg gehen oder auch mal ihre Meinung sagen, sind nicht gewünscht. Stattdessen erleben wir von Managern beeinflusste und durch Medientraining gebriefte Sportler, die zunehmend Einheitsbrei reden und den Kontakt zu denen verlieren, die Geld für unsere Wettkämpfe zahlen.

Sie vertreten auch in der Debatte um Markus Rehm und der Vergleichbarkeit von Leistungen eine klare Meinung. Der Internationale Verband hat Ihrem Vereinskollegen eine Teilnahme an den Olympischen Spielen untersagt. Was halten Sie davon?

Popow Zunächst einmal ärgert es mich, dass immer wieder versucht wird, uns als Feinde darzustellen. Markus ist ein Klassetyp. Charmant, bringt Top-Leistungen und besitzt Vorbildfunktion. Ein Athlet, den der Behindertensport braucht. Es stört mich aber, dass die Diskussion um ihn nicht ehrlich geführt wird.

Was meinen Sie damit?

Popow Es gibt keine Vergleichbarkeit gegenüber einem Nicht-Behinderten, weil wir nicht wissen, welchen Anteil die Prothese an der Leistung hat. Es gibt allenfalls eine Messbarkeit und einen Rahmen dafür, in den Markus aber anscheinend nicht passt. Es gab eine Untersuchung von Markus' Weitsprungbewegung, die hinsichtlich der Prothese keine klare Aussage über Vor- und Nachteile zuließ. Markus ist ein Ausnahmetalent. Dass er auch Behinderten mit der gleichen Prothese anderthalb Meter abnimmt, geht in der Diskussion unter. Wie willst du aus einer Ausnahme Standards definieren?

Können Sie trotzdem verstehen, dass sich Markus Rehm mangels Gegnern mit Nicht-Behinderten messen will?

Popow Aus Wettkampfsicht verstehe ich das. Wir sind im Behindertensport in einer Bewegung, in der wir Vorreiter sind. Wojtek Czyz hat vor Jahren als Oberschenkelamputierter gezeigt, dass man über sechs Meter springen kann. Markus springt als Unterschenkelamputierter weiter als Nicht-Behinderte. Die Leistung ist vor dem Hintergrund seiner Geschichte viel höher anzusehen. Schon in dem Punkt ist beides nicht mehr vergleichbar. Von der technischen Komponente mal abgesehen.

Bei vielen Nicht-Behinderten ernten Sie damit Zustimmung.

Popow Aber wissen Sie, was das Schlimme ist? Jeder kritische Gedanke eines Nicht-Behinderten wird so ausgelegt, als hätte er was gegen Behinderte. Ich habe es bei Weitspringer Sebastian Bayer miterlebt. Er hat sich zum Thema geäußert. Wie aggressiv er danach angegangen wurde, ist ungeheuerlich. Wir reden von Inklusion, Teilhabe für alle. Das Thema wird aber vornehmlich nur in eine Richtung diskutiert. Wir wollen respektvoll behandelt werden, also müssen wir andere auch respektvoll behandeln.

Das ist auch nicht in Rehms Sinn.

Popow Markus tut mir in der Diskussion am meisten leid. Er wird in der Inklusions-Debatte leider zu oft vor den Karren gespannt. Es heißt: Rehm kämpft für die Inklusion. Das kann er gar nicht leisten. Er kann allenfalls ein Vorbild für erfolgreiche Inklusion sein, denn Inklusion im Leistungssport gibt es nicht. Wir sollten lieber daran arbeiten, in der Breite Exklusion zu verhindern. Dass etwa Kinder nicht ausgeschlossen werden. Mir selbst riet damals ein Lehrer: Besorg dir doch ein Attest, dann musst du im Sport nicht mitmachen. Das sagt doch alles.

Sie helfen mit dem Projekt "Running Clinics" weltweit Menschen, mit Sportprothesen laufen zu lernen.

Popow Auf dieses Projekt bin ich mehr stolz als auf jede Medaille. Ich war vergangene Woche wieder in einem Krankenhaus. Das Schöne an der Arbeit ist: Egal ob Soldat oder das 14-jährige Mädchen, das dir aufs Butterbrotpapier einen Liebesbrief schreibt, weil es dir dankbar ist – hier sind alle gleich. Ich habe in meiner Verletzungspause gemerkt, dass es Menschen gibt, die mich brauchen – nicht meines Erfolges wegen, sondern weil sie durch unsere Hilfe wieder Lebensqualität bekommen. In Rio werden erstmals Athleten dabei sein, die aufgrund der Running Clinics zum Sport gekommen sind.

Es entsteht manchmal der Eindruck: Man müsste sich nur eine Prothese anziehen und schon läuft es.

Popow Früher haben mich Leute angesprochen und gesagt: Cool, du trägst trotz Prothese eine kurze Hose. Heute ist die zweite oder dritte Frage: Ist das die Prothese, mir der man schneller laufen und springen kann als mit zwei gesunden Beinen? Durch die Diskussion um Markus werden wir Behindertensportler plötzlich über die Prothese definiert. Das ist fatal. Die Menschen bekommen vor oder nach einer Amputation suggeriert, dass eine Prothese besser sein soll als ein gesunder Fuß. Und wenn sie dann später die Prothese anziehen und merken, dass sie darauf zunächst keine zwei Schritte gehen können, fallen sie in ein noch tieferes Loch als durch die Amputation. Wir als Amputierte sind in der Verantwortung, es nicht so aussehen zu lassen.

Wird es irgendwann gemischte Olympische Spiele geben?

Popow Ich halte nichts davon. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: In Rio läuft das Mehrkampf-Finale im Turnen, und was zeigt die ARD?

Fußball.

Popow Genau, Deutschland gegen Fidschi – Endstand 9:0. Sollten künftig beide Großereignisse zusammengelegt werden, gehen die Randsportarten, und als solche sehe ich den Behindertensport noch immer, völlig unter. Wenn Deutschland gegen Fidschi spielt und parallel Heinrich Popow über 100 Meter läuft, kriegt das niemals jemand live mit. Gleichmache wäre das Schlimmste, was man dem Sport antun kann.

Finden Sie es richtig, die Russen bei den Paralympics auszuschließen?

Popow Grundsätzlich bin ich gegen eine Kollektivbestrafung, weil darunter auch Leute zu unrecht leiden. Wenn diese aber zu einer Null-Toleranz-Politik im Anti-Doping-Kampf führen sollte, dann bin ich dafür. Ich glaube im Moment aber, dass dies ein Pseudoschritt ist. Was ist mit Ländern wie Kenia oder den USA? Zuletzt durften Sprinter wie Justin Gatlin, der Doping zugab, aber eine Halbierung seiner Sperre erwirkte, bei Olympia starten. Für mich ist Gatlin das Parade-Beispiel eines gescheiterten Anti-Doping-Kampfes.

Wie oft werden Sie kontrolliert?

Popow Regelmäßig. Mir fällt es inzwischen jedoch schwer, fremden Menschen nachts die Tür aufzumachen, und permanent Auskunft über meinen Aufenthaltsort zu geben, wenn es in anderen Ländern nicht geschieht.

Mit welchen Zielen starten Sie in Rio?

Popow Wenn man als frischer Weltrekordler im Weitsprung antritt, will man natürlich die Goldmedaille. Auch für den Sprint fühle ich mich fit genug. Ich kann Erster werden, stehe mir im Moment allerdings selbst im Weg. Ich habe während der Pause im Sprinten etwas den Wettkampfrhythmus verloren und muss versuchen, meine mentale Stärke wieder zu bekommen. Ich will so laufen, dass ich sagen kann: Egal wie es ausgeht, du hast alles gegeben.

Rio sind Ihre vierten Paralympics. Sind es auch Ihre letzten?

Popow Es fühlt sich im Moment so an. Es kann sein, dass ich in Rio durchs Ziel laufe und sage: Das war's! Mit diesem Vorhaben bin ich aber auch schon nach London gereist. Nach dem Rennen dachte ich: Da geht noch mehr. Mit solch einem Gefühl könnte ich nie aufhören.

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