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Paralympics 2016
Durst "hätte auch ohne Lenker gewonnen"

Paralympics 2016: Durst holt Gold im Zeitfahren - ohne Sattel
Paralympics 2016: Durst holt Gold im Zeitfahren - ohne Sattel FOTO: dpa, jbu fpt
Rio de Janeiro . Als Hans-Peter Durst mit der Goldmedaille um den Hals ins Deutsche Haus kam, hörte er immer wieder dieselbe Frage. "Kannst Du überhaupt noch sitzen?" Auf der Bühne fasste sich der 58-Jährige Dortmunder schließlich ein Herz und beendete das Thema mit einem kernigen Satz: "Mein Sohn steht immer in der Südkurve. Und dort sagt man: 'Sitzen ist für'n Arsch.'"

Dass es zumindest nicht nötig ist, um eine Goldmedaille mit dem Dreirad bei den Paralympics zu gewinnen, bewies Durst in Rio de Janeiro. 14,5 der 15 km fuhr er ohne Sattel - und gewann trotzdem überlegen.

"Hans-Peter Durst ist so gut und so motiviert - der hätte sogar ohne Lenker gewonnen", sagte Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), dem SID. Was Durst mit einem Lächeln beantwortete: "Wenn Friedhelm das sagt, dann ist das auch so. Friedhelm hat immer Recht."

Seinen Start am Freitag im Straßenrennen sieht Durst mit derselben Argumentation als nicht gefährdet an. "Wenn Friedhelm sagt, der Durst kann auch mit wundem Hintern fahren, dann kann ich das", meinte er. Obwohl es am Mittwochabend immer noch sehr weh tat: "Aber ich glaube, es ist nichts kaputt. Ich habe nur eine Wundcreme drauf."

500 Meter nach dem Start am Strand von Barra hätte Durst wohl noch nicht gedacht, dass er an diesem Tag noch zu Späßen aufgelegt sein würde. Als der Sattel abbrach, habe er "einfach nur noch geweint", berichtete er: "Ich dachte, das war's, das Projekt ist zu Ende. Denn eigentlich war klar, dass ich das nicht 15 Kilometer durchhalten kann. Und da sind mir einfach die Tränen runtergelaufen."

Rund 20 Minuten später liefen die Tränen wieder. Aber nicht vor Enttäuschung und auch nicht wegen der großen Schmerzen, sondern aus purer Freude. "Jetzt ist alles so egal", sagte Durst: "Es hat geklappt, ich habe Gold. Das ist unglaublich. Vielleicht habe ich heute eine neue Disziplin erfunden: Das Ohne-Sattelfahren."

Er habe eben einfach "den Hintern so ins Spiel gebracht, dass der Sattel irgendwie hält. Und dann bin ich komplett im Stehen gefahren, an den Sattel drangelehnt. Es brennt jetzt zwar unglaublich. Aber zum Glück habe ich ja schon zwei Kinder."

Im Vorfeld hatte es ihm missfallen, dass die Strecke so eben und kurvenlos war, "solch einen Kurs mag ich eigentlich gar nicht". Im Nachhinein war das sein Glück: "Auf jedem anderen Kurs mit mehr Kurven hätte ich wirklich aufgeben müssen."

Auch machte es sich bezahlt, dass der Diplom-Betriebswirt im Vorfeld vor allem auf die mentale Komponente gesetzt hatte. "Ich muss die Dinge austarieren, die in meinem Alter noch gehen. Und das geht über die Erfahrung, über den Kopf. Wir haben das 'paralympische Ruhe' genannt'," Genau die trug ihn nach dem kurzen Tränenschock ins Ziel und zum ersten paralympischen Gold.

Vor dem Straßenrennen "werden wir noch einmal alle Schrauben festdrehen", kündigte er an: "Auch wenn wir das diesmal auch schon gemacht haben. Vielleicht kleben wir einfach nochmal ein bisschen Tapeband drum."

Sicher ist sicher.

(sid)
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