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Paralympics in Rio
Hoch hinaus mit Handicap

Die möglichen Stars in Rio
Die möglichen Stars in Rio FOTO: dpa, mkx kno hpl
Rio De Janeiro. Bayer Leverkusen stellt die meisten deutschen Athleten bei den Paralympics in Rio de Janeiro. Darunter Weitspringer und Fahnenträger Markus Rehm. Von Gianni Costa, Tim Kronner und Stefanie Sandmeier

Die Absage war knapp gehalten. Thomas Bach wird nicht zur heutigen Eröffnung der Paralympics in Rio de Janeiro reisen. Stattdessen wird der IOC-Präsident an der Trauerfeier für den früheren Bundespräsidenten Walter Scheel (FDP) in Berlin teilnehmen, teilte das IOC mit und kündigte an, dass stattdessen Sam Ramsamy, Beauftragter für Behindertensport, das Internationale Olympische Komitee bei der Zeremonie vertreten.

"Scheel und Bach hatten über Jahrzehnte eine enge Beziehung", sagt IOC-Sprecher Christian Klaue auf Anfrage unserer Redaktion. Bach ist nach wie vor Mitglied bei den Liberalen.

Rehm trägt die deutsche Fahne

Der mächtigste Mann in der Weltregierung des Sports wird also fehlen, wenn sein Landsmann Markus Rehm, der so lange dafür gekämpft hat, bei den Olympischen Spielen starten zu dürfen, die deutsche Fahne ins Maracana-Stadion trägt. Sein Traum von einem gemeinsamen Wettkampf wurde dem 28-Jährigen bekanntlich vom Leichtathletik-Weltverband verwehrt, weil nicht geklärt werden konnte, ob er mit seiner Prothese Vorteile gegenüber Nichtbehinderten hat.

Eine Absage, die der Athlet des TSV Bayer Leverkusen nicht als Niederlage empfindet. Für die Zukunft hofft der unterschenkelamputierte Prothesen-Springer, der 2014 mit der Weite von 8,24 Metern Deutscher Meister wurde, weiter auf Teilnahmen an Wettbewerben der Nichtbehinderten: "Das Buch ist noch nicht geschlossen", sagt er. Das ändere aber nichts daran, dass "die Paralympics mein Hauptwettkampf sind. Und das wären sie auch gewesen, wenn ich bei Olympia hätte starten können. Ich bin paralympischer Sportler, und darauf bin ich stolz", erzählt Rehm, der seit seinem internationalen Debüt 2009 bei den Höhepunkten im paralympischen Sport ungeschlagen ist.

"Seine herausragenden Leistungen und Rekorde haben ihn auch international zu einem der Stars der paralympischen Bewegung aufsteigen lassen", begründete der Chef de Mission, Karl Quade, die Entscheidung, Rehm das deutsche Team anführen zu lassen.

Neben dem Paralympics-Gold 2012 gehen drei Siege bei Europa- und Weltmeisterschaften im Weitsprung auf sein Konto, dazu kommen zwei Titel mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel bei der WM 2015 und EM 2016. Zwei Siege mit der Staffel und im Weitsprung sind auch das Ziel in Brasilien, wo Rehm auch auf paralympischer Bühne Nachfolger des gefallenen Superstars Oscar Pistorius werden kann.

Obwohl neben dem Formel-1-Piloten Alex Zanardi (49) aus Italien einer der bekanntesten Athleten in Rio, tritt er bei den 15. Paralympics natürlich nicht alleine an. 4350 Sportler aus 176 Ländern sind bis zum 18. September in Brasilien am Start - so viele wie noch nie bei Paralympics. 155 kommen aus Deutschland. Die Paralympics setzen damit ihre Erfolgsgeschichte fort. Seit der Einführung 1960 nehmen nun fast sieben Mal so viele Länder und fast elf Mal so viele Athleten an den Sommerspielen für Menschen mit Behinderung teil.

Damit stellen die Paralympics zum siebten Mal in Folge einen Teilnehmerrekord auf - obwohl mit Russland eine große Sportnation komplett fehlt. 266 Athleten wurden ausgeschlossen, weil sie Teil des russischen Staatsdopings sein sollen. "Doping ist Betrug. Betrug ist kriminell. Kriminalität wird be-straft. Da gibt es null Toleranz", sagte Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Obwohl die paralympische Bewegung viel Zuspruch für den Ausschluss der Russen bekam, ist das Doping-Problem im Behinderten-Sport dennoch ungelöst. Immer wieder werden Vorwürfe laut, dass weniger mit verbotenen Mitteln als durch sogenanntes Techno-Doping mit speziellen Prothesen manipuliert würde. "Manche Athleten stoßen beim Sitzen mit dem Knie an die Nase, weil der Unterschenkel so lang ist. Das sieht aus wie im Zirkus", erklärt Sprinter Heinrich Popow. "Das ist Affentheater, das hat nichts mit Leistungssport zu tun."

1,5 Millionen Tickets verkauft

Nicht nur vor Dopingskandalen, auch vor leeren Rängen fürchtet man sich in Brasilien. Noch während der Olympischen Spiele waren die Kartenverkäufe für die Paralympics enttäuschend. Deshalb starteten die Organisatoren Werbeaktionen und machten Sonderangebote. Mittlerweile sind angeblich rund 1,5 Millionen der insgesamt 2,5 Millionen Eintrittskarten abgesetzt.

Mit Sicherheit dabei sein werden die Para-Kanuten und Para-Triathleten, die zum ersten Mal an den Sommerspielen teilnehmen dürfen. Insgesamt werden in 23 Sportarten und 528 Wettbewerben Medaillen vergeben. In den einzelnen Disziplinen gibt es aber verschiedene Sieger. Dies liegt an der Einstufung der Athleten, die nach dem Grad ihrer Behinderung klassifiziert werden.

Außer in diesen zwei Wochen im Sport sind Behinderungen in Brasilien allerdings kein großes Thema. Menschen mit Handicap sind auf den Straßen Rios so gut wie gar nicht zu sehen. Wie könnten sie auch, in einer Stadt, in der Barrierefreiheit alles andere als groß geschrieben wird. An den meisten Straßen haben die hohen Gehwege keine Absenkungen, so dass Rollstuhlfahrer nicht hinaufkommen.

Immerhin im olympischen Dorf sollen die Zustände in Ordnung sein. Dort sind auch die Athleten des TSV Bayer 04 Leverkusen eingezogen. Die kritischen Stimmen anderer Bewohner kann die Leverkusener Delegation nicht verstehen. "Die Athleten fühlen sich sehr wohl im Dorf. Die Zimmer sind zwar klein, aber darauf waren im Vorfeld alle eingestellt. Das Essen ist auf gleichem Niveau wie bei Spielen in der Vergangenheit", sagt Jörg Frischmann, Geschäftsführer der Behindertensportabteilung von Bayer. Die Stimmung innerhalb der Mannschaft sei sehr gut.

Allein 18 Sportler des TSV Bayer 04 gehen in Rio an den Start. Das sei laut Frischmann eine "überragende Zahl" für den Verein. Damit stellen die Leverkusener das größte Kontingent im deutschen Team. Die besten Chancen auf Medaillen dürften die Leichtathleten haben. Dazu gehören Popow, Vanessa Low, Birgit Kober, Franziska Liebhardt und die reine Leverkusener 4x100-Meter-Staffel mit David Behre, Felix Streng, Johannes Floors und natürlich´ Rehm.

Quelle: RP
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