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Paralympics in Rio
Sprung in ein neues Zeitalter

Die bunte Abschlussfeier von Rio
Die bunte Abschlussfeier von Rio FOTO: dpa, nie
Die Paralympics haben den Behindertensport nach vorne gebracht. In Rio de Janeiro kehrt nun wieder der Alltag ein. Von Tobias Käufer, Rio de Janeiro

Mit seinem gewaltigen Satz in Rio de Janeiro lieferte Markus Rehm noch einmal neuen Zündstoff für eine Diskussion, die nicht mehr aufzuhalten ist. "Die 8,21 Meter sind Weltklasse und ich freue mich sehr über Gold", sagte Deutschlands prominentester paralympischer Athlet, dessen Mission vor allem vom Ehrgeiz getrieben war, diesen einen Beweis anzutreten: "Ich wollte genau das zeigen, was ich erreicht habe: Dass paralympische Athleten sich nicht hinter olympischen Athleten verstecken müssen", sagte der für Leverkusen startende Göppinger nach seinem Goldsprung in der Klasse T44 samt paralympischem Rekord, mit der er nur knapp hinter dem eigenen Weltrekord (8,40 Meter) blieb. Rehm hatte zuvor schon Gold mit der 4x-100-m-Staffel gewonnen.

Seinen Traum, auch bei Olympia zu starten, hatte der Leichtathletik-Weltverband mit seinem Veto verhindert, weil Rehms Prothese eventuell leistungsfördernd sein könnte. Bis zu den Spielen in Tokio 2020 wird die Diskussion nochmals Fahrt aufnehmen. Auch wegen der phänomenalen Leistung von Paralympics-Sieger Abdellatif Baka. Der sehbehinderte Algerier war bei seinem Sieg über die 1500-Meter schneller als Olympiasieger Matthew Centrowitz (USA), auch wenn in dessen Rennen zu Beginn "gebummelt" wurde. Auch die Leverkusenerin Vanessa Low gehört nach ihrer Silbermedaille über 100 Meter (Klasse T42) zu den Gewinnern dieser Spiele. Kaum eine Zeitung rund um den Erdball verzichtete auf ein Foto der attraktiven Goldmedaillengewinnerin im Weitsprung.

Mit dem aus deutscher Sicht goldigen Wochenende sind auch die Paralympics in Rio de Janeiro Geschichte. Eine Epoche mit vier sportlichen Großereignissen in nur drei Jahren hat Spuren hinterlassen in der Stadt am Zuckerhut. Erst Confed-Cup, Fußball-WM, Olympia und dann Paralympics haben die Cariocas, Rios Einwohner, bis an die Grenzen der Belastbarkeit geführt. Was bleibt von diesem Wettlauf um Medienpräsenz, Superlativen und Gigantismus? Zunächst einmal ein Haufen Schulden und leere Kassen. Stephan Jentgens vom Aktionsbündnis "Rio bewegt. Uns", das von deutschen Hilfswerken organisiert wurde, zeigte sich vor Ort besorgt: "Die Armen haben ihren Preis für diese Entwicklung bezahlt und die dicke Rechnung wird wohl erst noch kommen." Denn ein Großteil der Gelder, die in die Sportevents gesteckt wurden, wurden dem sozialen Sektor entzogen.

Beworben hat sich Brasilien noch unter Ex-Präsident Lula da Silva. Damals galt der südamerikanische Gigant als Investors neuer Liebling, wegen riesiger Ölfunde als kommende neue wirtschaftliche Supermacht. Übrig geblieben ist von diesem Traum nur eine Wirtschaftskrise, die in eine schwere politische Krise samt höchst umstrittener Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff mündete. Diese Krise wird Brasilien und auch Rio in den nächsten Jahren noch fest im Griff halten. Und aus lokaler Sicht wird die Zahlungsunfähigkeit des Bundesstaates Rio de Janeiro noch für dramatische Einschnitte sorgen. Brasilien hat sich mit diesen Großevents übernommen. Das ist auch die Schuld von IOC und Fifa, die erbarmungslos auf der Erfüllung von Pflichten und Normen bestehen, egal wie arm oder reich ein Land ist.

Aber es hat auch Fortschritte gegeben. Vor allem die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur haben bereits für Aha-Erlebnisse bei den Bürgern Rio de Janeiros gesorgt. Deutlich verkürzte Anfahrtszeiten durch neue Tunnel, Straßenbahnen, Metroverbindungen oder Schnellbusse haben zumindest einen Teil von Rio deutlich attraktiver gemacht.

Die Paralympics haben derweil noch einmal dem IOC die Augen geöffnet, seine Preispolitik für Olympia zu überdenken. Blieben im August wegen sündhaft teurer Tickets noch viele Plätze leer, strömten die Brasilianer zu den Wettbewerben im September. "Die Spiele des Volkes" nannten sie die Paralympics deshalb in Rio. Für das IOC ist das eine schallende Ohrfeige.

Quelle: RP
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