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Goldmedaillengewinner bei den Paralympics
Popow: "Würde das Bein wieder amputieren lassen"

Paralympics 2012: Die Abschlussfeier
Paralympics 2012: Die Abschlussfeier FOTO: dpa, Tal Cohen
Düsseldorf. Der 100-Meter-Paralympics-Sieger von London bezeichnet sich als "die glücklichste Person", die es gibt. Jetzt will der Leverkusener Behindertensportler Profi werden.

Sind Sie zwei Monate nach Ihren Erfolgen bei den Paralympics wieder im normalen Leben angekommen, oder schweben Sie noch auf einer Wolke?

Popow Die Wolke war da, ein kleines bisschen davon bleibt hoffentlich auch bis zu den nächsten Spielen. Mit den Veränderungen, die jetzt eintreten, muss ich aber erst einmal zurechtkommen: viele Termine, viele PR-Anfragen. Und dann muss ich den Alltag bewältigen und trainieren.

Sie haben aber doch Interesse daran, in der Öffentlichkeit zu bleiben.

Popow Ich habe nach den Paralympics in London gesagt, dass eine Sportart von den Gesichtern lebt. Ich fand meine Leistung und mein Auftreten in London ganz okay. Ich will dem Behindertensport gerne weiterhelfen – wenn ich kann. Deshalb bin ich gerne auch eine Art Botschafter des Behindertensports.

Sie wollen Vollprofi werden. Wie kommen Sie voran?

Popow Ich will noch professioneller werden, ich will professioneller trainieren. Wenn ich einen Job habe, der zulässt, dass ich täglich um 16 Uhr beim Training bin, dann sind das für mich als Behindertensportler professionelle Bedingungen. Jetzt arbeite ich als IT-Fachmann bei den Fußballern von Bayer 04. Eigentlich ist es das Paradies für mich.

Wo liegt dann das Problem?

Popow Es sind die unkalkulierbaren Dinge. Ein Server fragt nicht, ob er um fünf Minuten vor vier abschmieren darf. Und wenn er abschmiert, muss ich ran. Die Tendenz geht nun dahin, dass ich meine Brötchen mit dem Sport verdienen und ein Auskommen haben kann. Mein Arbeitgeber und ich werden uns in naher Zukunft zusammensetzen und überlegen, wie ich noch mehr Freiräume für den Sport bekommen und mich in Richtung Profi entwickeln kann. Vielleicht gibt es die Möglichkeit, mich für zwei Jahre zu beurlauben oder bis Rio 2016.

Warum treffen Sie erst jetzt mit 29 Jahren die Entscheidung, Profi werden zu wollen? Vor acht Jahren waren Sie auch schon in der Weltspitze.

Popow Natürlich ist es weiterhin schwierig, Profi zu werden. Aber jetzt, nach den herausragenden Spielen von London, haben wir eine ganz andere mediale Plattform. Nach Athen wäre es ein Drahtseilakt gewesen, Profi zu werden.

Wie schnell würden Sie mit zwei gesunden Beinen laufen?

Popow Ich weiß gar nicht, ob ich genauso schnell wäre. Vielleicht wäre ich gar kein Leichtathlet geworden. So wie ich jetzt bin, bin ich die glücklichste Person, die es gibt. Mit der Erfahrung, die ich jetzt habe, würde ich jederzeit wieder mein Bein amputieren lassen. Es gab eine negative Sache, das war die Amputation. Aber dafür gab es hundert positive Dinge: Ich habe die Welt bereist, ich habe sehr viel gelernt, ich habe andere Kulturen kennengelernt, ich habe gelernt, hart und zielstrebig an mir zu arbeiten. Das will ich nicht missen. Und deshalb mache ich mir über das Was-wäre-wenn gar keine Gedanken.

Sie sind auch ein ganz guter Fußballer, ist zu hören.

Popow Ich kicke gern. Das war für mich eine Rehabilitationsmaßnahme nach der Amputation. Es war für mich schockierend, beim Fußball als Letzter in ein Team gewählt zu werden. Ob amputiert oder nicht: Der Letzte, der gewählt wird, ist der schlechteste Fußballer. In der Schule war es unbewusst mein erstes sportliches Ziel, nicht mehr als Letzter gewählt zu werden.

Und wann ging es mit dem Leistungssport los?

Popow Irgendwann kam der Anruf von Bayer Leverkusen, ob ich nicht am Leichtathletik-Sportfest der Behinderten dort teilnehmen wollte. Da habe ich zunächst gesagt: Was soll das denn? Ich bin nicht behindert, ich spiele mit meinen Kumpels doch Fußball. Irgendwann habe ich mich breitschlagen lassen, bin zum Training nach Leverkusen gekommen.

Und wie ging es dann weiter?

Popow Der Kampf gegen die Mitmenschen begann.

Das müssen Sie erklären.

Popow Wenn du eine Behinderung hast und sagst, dass es dir schlecht geht, nehmen die Leute dir das ab. Wenn du aber eine Behinderung hast und sagst, dass es dir gut geht, musst du dich dafür rechtfertigen. Selbst meiner Mutter muss ich erklären, dass es mir gut geht. Die sagt schon mal: ,Aber Kind, du hast doch ein Bein ab.' Dann muss ich ihr sagen, dass ich zu den glücklichsten Menschen gehöre. Am zweiten Tag nach London hat sie mich gefragt, ob ich jetzt aufhöre, damit ich den gesunden Teil meines Körpers nicht überanstrenge.

Das ist eben die Mutter.

Popow Ja, die Mutter. Ein anderes Beispiel. Wenn du zu einem Konzert fährst, wo du keine Berechtigung hast, auf einem Behindertenparkplatz zu stehen, braucht du nur die Prothese ans Fenster zu halten. Das schockiert die Leute. Keiner glaubt dir, dass es dir gut geht.

Was hat sich seit London geändert?

Popow Ein Beispiel. In der Klasse meines Patenkindes ist ein behindertes Kind. Das wurde beim Volleyball immer ausgeschlossen und bekam im Sportunterricht etwas anderes zu tun. Seit die Paralympics aber so im Fokus standen, spielt die Klasse geschlossen Sitzvolleyball.

Werden Sie wie Oscar Pistorius auch bei den Nicht-Behinderten starten?

Popow Nein, so hoch nicht. Ich werde bei den Männern auch auf Kreisebene nie etwas holen können, dafür sind die physischen Voraussetzungen nicht gegeben. Als ich nach Leverkusen gekommen bin, habe ich zu Trainer Karl-Heinz Düe gesagt, dass ich Behindertensport machen will. ,Pff, trainiere ich nicht', hat er gesagt, ,wir machen hier Leichtathletik. Willst du mitmachen?' Ab dem Augenblick war ich vollständig integriert. Ich habe bei den Frauen mittrainiert. Ich habe die selben Wettkämpfe wie sie besucht.

Bis Rio ist noch lange hin. Warum wollen Sie so lange weitermachen? Mehr als Gold im 100-Meter-Sprint geht ja nicht.

Popow Doch. Mein Finalrennen in London war schlecht. In vier Jahren geht noch mehr. Die Konzentration hatte etwas gelitten, weil mir vorgeworfen wurde, mein Kniegelenk entspreche nicht den Regeln.

Gibt es jetzt schon einen Plan für Rio?

Popow Natürlich ist der Weg noch weit. Aber ich halte mir das schon vor Augen. Mein Trainer hat vergangene Woche nach drei Trainingstagen auch gesagt, jetzt sind es schon drei Tage weniger bis Rio. Es ist das große Ziel. Das geht so schnell. Die WM nächstes Jahr ist ein Zwischenziel. Man kann Leistung nicht planen, aber man kann den Weg zur Topleistung planen.

Martin Beils führte das Gespräch.

(RP/can)
 
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