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Vanessa Low
Der lange Weg zu Gold

Die deutschen Medaillen-Gewinner
Die deutschen Medaillen-Gewinner FOTO: dpa, jbu
Rio De Janeiro/Leverkusen. Vanessa Low hat nie aufgegeben. Auch nicht vor elf Jahren, als sie von einem Zug erfasst wurde und nur mit Glück überlebte. Von Stefanie Sandmeier

Am Ende fehlten Vanessa Low die Worte. Als sie ihre ersehnte Goldmedaille endlich um den Hals hängen hatte und die Nationalhymne für sie gespielt wurde, "habe ich doch glatt einfach den Text vergessen". Die 26-Jährige nahm es sportlich. Ihr war anzumerken, welche Last von ihr abgefallen sein muss.

Bis auf den kleinen Fauxpas bei der Siegerehrung passte alles an diesem Abend von Rio, der zu ihrem Abend wurde. Nicht nur, weil die beidbeinig oberschenkelamputierte Weitspringerin das erlösende Paralympics-Gold gewann. Es war die Art, wie sie ihre Ausnahmestellung demonstrierte. Zweimal gelang ihr während des Wettkampfes ein Weltrekord - erst verbesserte sie ihre eigene Marke von 4,79 Meter auf 4,88 und im dritten Versuch sogar um weitere fünf Zentimeter. Dabei sprang sie sich in die Herzen der brasilianischen Fans, die jeden Versuch frenetisch bejubelten. "Die sieben Zentimeter bis zur magischen Fünf-Meter-Marke hätte ich auch noch gerne gehabt", entgegnete Low, "aber Gold und Weltrekord - mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen."

Diesen paralympischen Erfolg wollte Vanessa Low unbedingt feiern. Es war ihr großer Traum nach jahrelanger Schinderei, einem Leben aus dem Koffer und einem Pendeln zwischen den Welten. Danach, sagt sie, "will ich endlich ein geordnetes Leben führen". Denn das gab es in den vergangenen Jahren für die 26-Jährige nicht. Ihr Leben spielte sich stets irgendwo zwischen Lübeck, dem Heimatort der Eltern, ihrem Verein TSV Bayer Leverkusen, dem Trainingsort Oklahoma City in den USA und Canberra in Australien ab, dem Wohnort ihres Freundes Scott Reardon, der ein erfolgreicher Paralympics-Sprinter ist.

Zu ihm will die beidseitig oberschenkelamputierte Sportlerin ziehen, wenn alles vorbei ist. Sich ein Zuhause aufbauen. Zur Ruhe kommen. Lows Augen strahlten, als sie vor ihrer Abreise nach Brasilien davon erzählt. Sie hat nicht nur viel verzichten müssen in der Vergangenheit. Sie hat kämpfen müssen. Aber Low hadert nicht mit ihrem Schicksal, das hat sie nie getan. Auch nicht, als sie aus dem Koma erwacht war und erfuhr, dass sie mit 15 Jahren keine Beine mehr hat. An den Hergang des Unfalls kann sie sich nicht mehr erinnern. Sie weiß nur, dass sie im Bahnhof in Ratzeburg, dem Wohnort der Familie, auf die Gleise geriet. Der Zug erwischt sie. Low erleidet schwerste Verletzungen am gesamten Körper. Außer Lebensgefahr beginnt ein langer Prozess in der Reha. Täglich quält sie sich. "Auch an Tagen, an denen es einem schlecht geht. Wenn man das nicht tut, kommt man nie dort an, wo man hin will", sagt Low.

Tränen und Blut

Diese Einstellung hat sie bis heute. Tatsächlich schafft sie, laufen zu lernen. Sie kehrt an ihr Gymnasium in Ratzeburg zurück. Beim TSV Bayer findet sie 2009 ihre sportliche Heimat, seitdem startet sie für Leverkusen. Nach wenigen Monaten knackt Low den Weltrekord im Weitsprung. Bei den Paralympics in London 2012 erlebte sie mit Platz sechs aber eine Enttäuschung. Es gab Gedanken aufzuhören. Low besucht daraufhin ihre Freundin und ehemalige Zimmerkollegin Katrin Green. Diese lädt sie nach Oklahoma City ein - zu sich und ihrem Mann und Trainer, Roderick Green. Der bietet Low an, sie zu unterstützen. "Sein Ziel: mich zu einer Medaille in Rio zu trainieren."

Die junge Frau packt ihre Sachen. Ein "geht nicht" gibt es dort nicht. "Der Trainer ist der Boss. Da fließen Tränen und auch schon mal Blut. Schon am dritten Tag hatte ich zwölf offene Blasen", erinnert sich Low. Trotzdem machte sie weiter. Roderick, selbst Medaillengewinner bei den Paralympics, half ihr, schneller zu laufen und weiter zu springen. Nach Triumphen bei der EM und der WM hat Low nun alle wichtigen Goldmedaillen im Behindertensport zusammen.

Das Kapitel USA ist damit nach Rio vorbei. Als Dankeschön lässt sich die 26-Jährige die Unterschrift des Trainers tätowieren. Wo, will sie noch überlegen. "Ich verdanke ihm sehr viel. Weil er mich auch als Person extrem weiterentwickelt hat, hat er dieses Tattoo verdient", findet Low, die als Mitfavoritin auch über 100 Meter startet.

Wie es mit ihrer sportlichen Karriere weitergeht, lässt sie offen. "Ich werde mir über meine Ziele nach Rio Gedanken machen. Ich habe Lust, weiter zu trainieren. Aber es gibt Bereiche, die zu kurz gekommen sind in den letzten Jahren. Vor allem das Privatleben."

Quelle: RP
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