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Wirtschaftsunternehmen IOC
Wo ist das wahre Olympia?

Rio 2016: Wo ist das wahre Olympia?
Was Baron Pierre de Coubertin wohl über die aktuelle Diskussion um das russische Team denken würde? FOTO: afp
Düsseldorf/Lausanne. Geschäfte, Korruption, politische Verstrickung: Die Olympischen Spiele sind ins Gerede gekommen. Aber waren sie jemals besser? Von Robert Peters

Vor dem olympischen Museum im Lausanne steht ein Denkmal für den Gründer der neuzeitlichen Spiele. Mit feierlichem Ernst blickt das Standbild von Baron Pierre de Coubertin in einem Halbkreis von weißen Säulen und über ein ewiges Feuer hinweg auf den Genfersee. Es ist ein steinerner Augenblick zwischen den Zeiten. Ganz so, wie Coubertin sich die Olympischen Spiele ausgedacht hat, als Wiederaufnahme einer Tradition aus der Antike, beseelt vom Geist Olympias, für den die Flamme steht.

Der Baron hat oft über diesen Geist gesprochen, die Idee der Spiele, ihre völkerverbindende Kraft. Er gab sich als Idealist, der in der sportlichen Bildung eine notwendige Ergänzung zur gesellschaftlichen und schulischen sah. Er war damit ein Kind seiner Zeit. Seinem hartnäckigen Kampfgeist verdankt die Welt die Gründung des Internationalen Olympischen Komitees und die ersten Spiele der Neuzeit 1896 in Athen.

Die Olympischen Spiele haben ihre Unschuld verloren

120 Jahre später sehnt sich so mancher nach der Wiedererweckung des olympischen Geists über die Fensterreden führender Funktionäre hinweg. Längst sind die Spiele Teil eines gigantischen Wirtschaftsunternehmens namens IOC, das Milliarden bewegt, in Korruptionsskandale verstrickt war und dem größten Sportfest jede Unschuld geraubt hat. Dass sich IOC-Präsident Thomas Bach tief vor Herrschern wie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verneigt, weil er solche Menschen für seine Spiele braucht, ist nur ein vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung.

Es ist kein großer Trost, dass sie mit dem sauberen Baron begonnen hat. Neben seinem weihevollen Eintreten für die großen Werte und die praktizierte Völkerverständigung an einem nahezu heiligen Ort war ihm auch die politische Realität nicht fremd. Als Adolf Hitler dem in finanzielle Schieflage geratenen Coubertin vor den Nazi-Spielen von 1936 eine großzügige Ehrengabe von 10.000 Reichsmark überweisen ließ, reagierte der Franzose nicht etwa politisch korrekt, wie man das heute nennen würde.

Er antwortete auf die Frage, warum er die Spiele des NS-Regimes unterstütze, es sei gleichgültig, ob Olympia Tourismus-Werbung wie 1932 in Los Angeles betreibe oder Propaganda für ein politisches System wie in Berlin vier Jahre darauf. So offen würden das nicht einmal die abgezockten Sportpolitiker unserer Tage sagen. Sie beteuern, Sport und namentlich Olympia trage "zum Aufbau einer besseren Welt bei". So steht das auch im Museum von Lausanne. Dass IOC-Funktionäre in ihrer Fixierung auf das olympische Geschäft und die damit verbundene Verstrickung mit fragwürdigen politischen Regimes eher zu einer Verfestigung einer schlechteren Welt beitragen, ist eine böse Ironie der olympischen Bewegung.

Lillehammer als Vorzeige-Spiele

Dabei gibt es für die Olympia-Romantiker doch Momente, in denen die Zeit angehalten ist, die von einer Schönheit und Arglosigkeit sprechen, die Coubertin ja durchaus im Sinn hatte, als er sich auf das Vorbild im antiken Griechenland berief. Die Spiele von Barcelona 1992 boten solche Momente, vor allem aber die von Lillehammer 1994. Die norwegische Kleinstadt mit damals nur 22.000 Einwohnern war alles andere als jene Metropolen, in denen die olympische Werbekolonne vor allem bei den Sommerspielen sonst aufzieht. Beim Bau der Sportstätten wurde tatsächlich auf Nachhaltigkeit geachtet, und die Einwände von Umweltschützern wurden zumindest gehört. Für den olympischen Geist über dieser Veranstaltung aber sorgten vor allem die Zuschauer. Halb Norwegen kampierte im Winter an den Strecken. Weil die Abstände zwischen den Wettkampfstätten klein waren, gab es überall viele Fans. Es war fröhlich, ein richtiges 16 Tage langes Fest. "Die besten Olympischen Winterspiele aller Zeiten", jubelte der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch.

Ausgerechnet Samaranch. Er steht für die hemmungslose Profitorientierung der neuzeitlichen Spiele wie keiner seiner Vorgänger im Amt. Er gilt nach den Griechen und Coubertin als dritter Erfinder der Olympischen Spiele. Er warf endgültig die Geldmaschine an.

Ihm ist zu verdanken, dass sich die Spiele ins hemmungslos Gigantische wendeten, dass sie zu Spielen der Weltstädte wurden oder zu Spielplätzen der Superreichen und der Industrie. Die Winterspiele 1998 wären nie in der Industriestadt Nagano ausgetragen worden, wenn nicht der schwerreiche Unternehmer Yoshiaki Tsutsumi sein politisches Gewicht in Anschlag gebracht hätte. Und der hundertste Geburtstag Olympias zwei Jahre zuvor wäre auch nicht in Atlanta gefeiert worden, wenn sich nicht Coca-Cola so herzlich das Spektakel in der Nähe seiner Zentrale gewünscht hätte.

Der olympische Geist von Lillehammer hatte sich längst auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Die Sehnsucht nach den schönen Spielen, nach einer Sportwelt jenseits von Doping, Korruption und Politik natürlich nicht. Schöne Bilder bedienen diese Sehnsucht. Bilder von Siegern, von Fans, von Partys. Um die Macht der Bilder wissen die Funktionäre. Deshalb plant das IOC einen eigenen TV-Kanal. Neben einigen freundlichen Absichtserklärungen wie der Abkehr vom Gigantismus und der Rückkehr zu den wahren Werten steht das in der Agenda 2020. IOC-Chef Bach feiert sie als Reformwerk. Vielleicht ist sie nur der Gipfel an Geschäftssinn. Da wird selbst die Sehnsucht nach der Schönheit des Sports und der Kraft der Spiele zum Buchwert. Zynisch.

Quelle: RP
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