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Entscheidung in einer Woche
Hitzige Debatte über Russland-Strafe

Russland und Olympia: Debatte über System-Doping erhitzt Gemüter
Wie entscheiden Thomas Bach und das IOC? Sie legen Russlands Schicksal vor allem in die Hände des Sportgerichtshofes CAS. FOTO: dpa, gh nic
Wird ganz Russland von den Olympischen Spielen ausgeschlossen? Das IOC hat seine Entscheidung vertagt und wartet auf einen wichtigen Fingerzeig. Unterdessen wird hitzig diskutiert und spekuliert.

Milliarden-Bußgeld, Komplett-Ausschluss oder doch ein bisschen Gnade: Die Diskussionen über die Strafe für Russland nach den schockierenden Enthüllungen des McLaren-Reports werden immer hitziger.

Während das IOC und Präsident Thomas Bach in ihr eigenes Strafmaß noch das wegweisende Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes CAS am Donnerstag einfließen lassen wollen, werden in Deutschland Rufe nach teilweise drastischen Maßnahmen laut - auch jenseits eines kollektiven Banns, der immer kritischer gesehen wird.

Strafzahlung für Anti-Doping-Kampf?

"Das muss richtig weh tun: Eine Milliarde Dollar Strafe für das russische NOK und der Austausch der kompletten russischen Sportführung, andernfalls erhalten Russen kein Startrecht mehr für künftige Weltmeisterschaften und Olympische Spiele", sagte Ruder-Olympiasieger und Sportökonom Wolfgang Maennig dem SID.

Das Geld würde er in den Anti-Doping-Kampf stecken: "Bezahlbar wäre es ohne Weiteres, und es könnte sinnvoll zweckgebunden werden: Damit könnte sich die WADA endlich so aufstellen, wie es nötig ist."

Eine unmittelbare Sperre russischer Athleten für die Sommerspiele in Rio de Janeiro sieht nicht nur Maennig ("Ich glaube, dass die russischen Athleten mehr Opfer als Täter sind") eher kritisch. Die Frage nach der vor allem moralischen Komponente einer Sippenhaftung spaltet die Sportlandschaft in Deutschland.

Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, würde Sanktionen knapp unterhalb eines kollektiven Ausschlusses der Russen durchaus noch für angebracht halten. Ein Start dürfte aber "allenfalls unter neutraler Flagge" erfolgen, "so wie es der Internationale Leichtathletik-Verband fordert". Freitag betonte: "Wenn die russische Fahne in Rio de Janeiro zu sehen ist, wird das aufgrund der aktuellen Sachlage niemand verstehen können, der sich einem sauberen, integren Sport verpflichtet fühlt."

Das Strafmaß, das das IOC bis spätestens am kommenden Dienstag verkünden will, könnte erheblich beeinflusst werden durch die CAS-Entscheidung am Donnerstag. 68 russische Leichtathleten haben gegen ihre Aussperrung von den Sommerspielen durch den Weltverband IAAF geklagt. "Ich hoffe, dass die Maßnahmen Bestand haben werden. Alles andere als eine Bestätigung wäre von der sportpolitischen Wirkung her eine Katastrophe, weil systematischer Betrug damit eine Art von Legitimierung erhalten würde", sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Ihm selbst falle es aber schwer "eine Maßnahme unterhalb eines Komplettausschlusses der Russen zu sehen, die die Glaubwürdigkeit des Sports bewahren würde".

Derweil scheint ungewiss, ob der CAS die IAAF-Regel bestätigen wird, obwohl es im Januar in einem ähnlichen Fall die Entscheidung des Gewichtheber-Weltverbandes stützte. Dieser hatte den bulgarischen Verband wegen zahlreicher Dopingfälle seiner Athleten gesperrt. "Der entscheidende Unterschied ist: Bei den Gewichthebern richtete sich das Sportrecht gegen einen Verband, im aktuellen Fall aber gegen Athleten", sagte der Jurist Prokop. Die IAAF will mit ihrer Rechtsprechung vor allem Darja Klischina und der Kronzeugin Julija Stepanowa einen Rio-Start ermöglichen - und schließt damit gleichzeitig 68 andere Russen aus.

Dimitrij Ovtcharov gegen einen Komplett-Ausschluss

"Da es Staatsdoping ist, und selbst höchste Stellen in Putins Apparat eingeweiht waren, muss man mit der härtesten Strafe antworten. Dennoch tue ich mich schwer mit Pauschalurteilen", sagte der viermalige Springreit-Olympiasieger Ludger Beerbaum.

Auch Tischtennis-Europameister Dimitrij Ovtcharov wandte sich gegen eine Komplett-Sperre, zeigte sich aber vom Ausmaß der Betrügereien betroffen. "Die Dimension ist unvorstellbar", meinte der Olympia-Dritte. Ovtcharov kennt die russischen Verhältnisse gut, spielt dort beim Top-Klub Fakel Orenburg. Zu Rio meinte der Top-Spieler aber: "Wer sauber ist, sollte fahren." Das Problem: Athleten, die in den vergangenen Monaten unter dem Einfluss des russischen Dopingsystems standen, können diesen Beweis nicht mehr führen.

Christian Schreiber, Vorsitzender der Athletenkommission im DOSB, machte klar, dass der McLaren-Bericht nur eine Konsequenz zulasse. "Das kann eigentlich nur zu einem kompletten Ausschluss führen", sagte der ehemalige Ruderer im ZDF-Morgenmagazin. Am Tag zuvor, als sich seine Vereinigung noch gegen eine Komplettsperre ausgesprochen hatte, sei man "ein bisschen falsch verstanden" worden.

Ringer Frank Stäbler forderte unmissverständlich klare Kante. Die Gold-Hoffnung sprach sich in einer Bild-Umfrage für einen Komplett-Ausschluss des Riesenreichs aus, "auch wenn es leider sicher auch unschuldige Athleten treffen wird. Anders scheint der russische Sport aber nicht zu kapieren."

Bahnradfahrer Roger Kluge kannte auch kein Pardon: "Denn wenn es von oben organisiert ist, muss man das Land bestrafen." Auch Wasserspringer Patrick Hausding forderte das Aus für Russland. "Mir tun zwar auch die sauberen Athleten leid. Aber mitgefangen, mitgehangen!"

(sid)
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