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Henze weiter in Lebensgefahr
Katastrophales Gesundheitswesen

Stefan Henze schwebt nach Unfall weiter in Lebensgefahr
Kanu-Slalom-Trainer Stefan Henze schwebt nach seinem schweren Unfall in Rio weiter in Lebensgefahr. FOTO: dpa, kno nic
Rio de Janeiro . Zwei Unglücksfälle bei Olympia werfen ein Schlaglicht auf die schlechte medizinische Versorgung in Brasilien. Kanu-Trainer Stefan Henze schwebt weiter in Lebensgefahr. Von Tobias Käufer

Das Zittern um die Gesundheit von Stefan Henze dauert an. Der deutsche Kanuslalomtrainer war in der Nacht zum Freitag in einem Taxi im Stadtteil Barra da Tijuca unweit des Olympiaparks verunglückt und gegen eine Mauer geprallt. Dabei erlitt der 35-Jährige, dessen Eltern und Bruder inzwischen in Rio sind, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Er schwebt weiter in Lebensgefahr. Henze musste nach einer Erstversorgung allerdings erst in eine 20 Kilometer entfernte Spezialklinik im Stadtteil Leblon gebracht werden, um dort fachgerecht behandelt zu werden. So verstrich wertvolle Zeit.

"Stefan Henze geht es unverändert. Die Verletzungen sind nach wie vor lebensbedrohlich. Er liegt auf der Intensivstation", sagte Chef de Mission Michael Vesper: "Gestern Abend sind seine Angehörigen in Rio angekommen. Seine Eltern und sein Bruder haben ihn gestern besucht und werden ihn auch heute besuchen."

In der Nähe des Olympiageländes gibt es keine entsprechende Einrichtung. Auch nach dem Herztod des französischen Physiotherapeuten Patrick Bordier wurden Vorwürfe laut. Deutschlands 800-Meter-Schwimmerin Sarah Köhler (22) und ihrem Freund Björn Kirstein (34), die Bordier zur Hilfe eilten, kritisierten in der "Bild", dass trotz Nähe zum Medical Center lange keine ärztliche Hilfe eintraf. Auch ein Defibrillator war nicht aufzufinden. Bordier starb vor den Augen des deutschen Paares, das vergeblich zu helfen versuchte.

Zwei Fälle, die vor allem außerhalb Brasiliens für heftige Diskussionen über das marode Gesundheitssystem des Landes und der Stadt ausgelöst haben. Dabei sind die Mängel bekannt und waren ein Grund dafür, dass im Vorfeld der Fußball-WM 2014 im ganzen Land Millionen Menschen auf die Straße gingen, um von der Regierung der inzwischen suspendierten Präsidentin Dilma Rousseff Investitionen in neue Krankenhäuser forderten. Zudem fehlte es an Ärzten: Brasilien holte sich daraufhin Hilfe aus Kuba. Auf Basis von Leiharbeitsverträgen wurden die Mediziner ins Land geholt, einen Großteil ihres Gehalts behält der kubanische Staat ein.

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen leistete sich damals auch Brasiliens zweimaliger Weltmeister und Mitorganisator Ronaldo einen verbalen Ausrutscher, den ihm seine Landsleute sehr übel nahmen: "Mit Hospitälern kann man keine WM organisieren", spottete Ronaldo. Wenig später legte er noch nach und empfahl die demonstrierenden "Vandalen mit dem Knüppel von der Straße zu schlagen." Danach wechselte der nicht nur auf dem Platz, sondern auch mit der eigenen Meinung wendige Ronaldo allerdings die Fronten. Er rief die Demonstranten zu gewaltsamen Protest auf, um ihren Forderungen nach Investitionen Nachdruck zu verleihen. Für den TV-Giganten "Globo" kommentiert der ehemalige Weltstar von Real Madrid inzwischen die Olympischen Spiele. Er gehört zu den großen Profiteuren von WM und Olympia.

Geändert hat sich trotz der Massenproteste vor zwei Jahren nicht viel. Witzbolde stellten nach der WM Bilder von Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff und Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Kommentar ins Netz: "Schau mal, Dilma: Ihr Land hat kostenfreie Bildung, moderne Krankenhäuser und kann sogar Fußball spielen." 

Den Brasilianern ist allerdings das Lachen vergangen. Vor allem die Krise um das Zika-Virus machte wieder einmal auf die vielen Probleme aufmerksam. Lange wussten die Krankenhäuser mit dem von der Tigermücke übertragenen Virus nicht umzugehen. Bluttests mussten aus eigener Tasche bezahlt werden. Ob sich nach den Spielen an der katastrophalen Lage im Gesundheitswesen überhaupt etwas ändert wird, ist fraglich. Das Land wird von einer politischen Krise in der Hauptstadt Brasilia gelähmt. Die suspendierte Präsidentin Rousseff steht vor der endgültigen Absetzung, ihr Nachfolger Michel Temer hat kaum Rückhalt im Volk. Der Bundesstaat Rio de Janeiro meldete knapp 50 Tage vor Beginn der Spiele den finanziellen Notstand.

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