Bolts Weltrekorde über 100 und 200 Meter: Was ist da in Jamaika los?
VON TIM RÖHN - zuletzt aktualisiert: 20.08.2008 - 19:40Peking (RPO). Als Melaine Walker von Journalisten gefragt wurde, wie sauber die Athleten aus Jamaika seien, hatte sie es plötzlich eilig. Gerade noch hatte sie locker über ihren 400-m-Hürden-Triumph geplaudert. Über den Humor von Landsmann Usain Bolt und die Trainingsbedingungen im Karibik-Staat, aber bei dieser Frage war sie wenig auskunftsfreudig.
"Alle sauber", sagte sie kurz und verschwand flugs zu einer weiteren Ehrenrunde durchs Olympiastadion. Was bleibt, sind Zweifel. Zweifel an der Korrektheit des jamaikanischen Triumphzugs in den Leichtathletik-Paradediziplinen bei diesen Olympischen Spielen in Peking.
Bolt hat über 100 Meter bei den Männern gewonnen, Shelly-Ann Fraser über die gleiche Distanz bei den Frauen, Walker eben über 400 Meter Hürden - und dann war da am Mittwochabend Ortszeit auch noch einmal dieser Bolt, genannt "Lightning Bolt", der Blitzeinschlag.
Es war das Finale über 200 Meter der Herren. Vor zwölf Jahren hatte der legendäre Michael Johnson bei den Spielen in Atlanta einen "Rekord für die Ewigkeit" aufgestellt. Mit 19,32 Sekunden wurde der US-Amerikaner gestoppt, damit verbesserte er die von ihm selbst aufgestellte Bestmarke um mehr als drei Zehntel.
Die Ewigkeit sollte nur bis zu diesem denkwürdigen Abend im Pekinger "Vogelnest" dauern. Bolt, der am Donnerstag seinen 22. Geburtstag feiert, hatte sich wieder seine goldenen Spikes geschnürt, war in Position gegangen - und der Konkurrenz einfach davon gelaufen.
Wenn der Konkurrenz nur die Hacken bleiben
Vom Start lag er in Führung, die Konkurrenten sahen nur seine Hacken, er hatte gar keine Konkurrenten. Und so sprintete er in einer eigenen Liga der Ziellinie entgegen, wenigstens joggte er diesmal nicht ins Ziel, dieser Weltrekord von Michael Johnson war nicht so leicht zu knacken.
Dass er es schließlich tatsächlich schaffte, war keine allzu große Überraschung. Bolt hatte schon im 100-m-Finale sein Potenzial nicht voll ausgeschöpft und den Weltrekord auf unfassbare 9,69 Sekunden verbessert, auch über die doppelte Distanz sollte das doch klappen.
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Und so ließen sie auf der Anzeigetafel wieder Superlative wie "Fantastic" und "Great" aufblitzen, auf der kleinen Tafel neben der Laufbahn war derweil diese Wahnsinnszeit eingeblendet: 19,30, zwei Hundertstel besser als Johnsons Rekord.
Bolt schnappte sich eine jamaikanische Flagge und tanzte wie ein kleiner Junge durch das Stadion, die anderen Medaillengewinner herzten ihn, er winkte freudig ins Publikum. Die Zuschauer winkten zurück, aber das war nicht bei allen ehrlicher Jubel - zu sehr geistern Dopinggerüchte um den schnellsten Mann der Welt in den Köpfen herum.
"Der Unterschied sind Drogen"
Angel Heredia ist Dopinghändler und Kronzeuge der US-Justiz im Kampf gegen die Manipulation im Leistungssport. Er hat dem "Spiegel" gesagt: "Der Unterschied zwischen 10,0 und 9,7 sind Drogen." Jahrelange habe er Athleten mit Präparaten versorgt, "ich habe 20 Drogen, die immer noch unauffindbar sind für die Fahnder."
In Jamaika gibt es keine unabhängige Anti-Doping-Agentur. Der Karibischen Anti-Doping-Organisation (Rado) gehört man nicht an, der Leichtathletik-Weltverband hat in diesem Jahr erst 100 Kontrollen durchgeführt, gerade einmal sechs davon im Training. Dabei kommt es doch gerade darauf an.
Und so wächst das Misstrauen bei der Konkurrenz, beim international nur zweitklassigen deutschen Sprinter Daniel Unger wächst sogar die Wut. "Die springen auf ihrer Insel rum, wie sie wollen, denen passiert gar nichts", sagte der 29-Jährige der "Sport Bild" - und legte nach: "Der kam (zum Vorlauf, die Redaktion) in Badehose und Joggingschuhen, hat eine Steigerung und einen Start gemacht, seine Spikes angezogen und ist dann die 100 Meter in 9,92 Sekunden gejoggt. Für mich ist das eine Riesenverarschung."
"Alles harte Arbeit"
Usain Bolt, der auch noch als erster Sprinter nach Carl Lewis 1984 Gold über beide Sprintdistanzen holte, sieht das etwas anderes: "Alles harte Arbeit. Ich habe ein Jahr geschuftet", antwortete er nach dem 200-m-Triumph auf die Frage, wie solche Siege und Rekorde zustande kommen.
Es gibt eine lange Liste von Experten, die diesen Beteuerungen keinen Glauben schenken. Da ist der Kölner Doping-Fachmann Werner Franke, der sich sicher ist, dass "fast alle Weltklassesprinter" mit Epo dopen. Da gibt es den Rado-Boss Adrian Lorde, der beunruhigt ist, weil Jamaika nicht das Programm habe, dass diesen Erfolgen entspricht.
Und es gibt eben andere Sportler wie Daniel Unger, die sich redlich mühen und sich doch nicht im Licht der Scheinwerfer sonnen dürfen.
Ob und was die jamaikanischen Sportler Verbotenes zu sich nehmen, darüber gibt es keinerlei verlässliche Informationen. Vielleicht ergeht es einem von ihnen wie dem Kanadier Ben Johnson, der 1988 bei den Spielen in Seoul Weltrekord lief, Gold holte - und des Dopings überführt wurde. Dann würde auch der schnelle Abgang von Melaine Walker Sinn machen.
Vielleicht passiert im Nachhinein gar nichts und die unfassbaren Weltrekord-Zeiten von Usain Bolt bleiben bestehen. Jedenfalls ist die Leichtathletik nicht die einzige Sportart, die derzeit argwöhnisch beobachtet wird. Vor allem im Schwimmen fallen etliche Rekorde, den größten Anteil hatte der US-Amerikaner Michael Phelps mit sieben neuen Bestmarken.
Der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten ist sozusagen der Usain Bolt im Schwimmbecken.
Wir haben an dieser Stelle alle Weltrekorde der Olympischen Spiele für Sie zusammengestellt.
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