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Analyse zum Abschneiden in Sotschi
Deutschland enttäuscht auf ganzer Linie

Sotschi 2014: Vierte Plätze -die deutschen "Blech-Athleten"
Sotschi 2014: Vierte Plätze -die deutschen "Blech-Athleten" FOTO: dpa, hak
Sotschi. Ganze Sparten waren in Sotschi Totalausfälle – vor allem Eisschnelllauf und Bobsport. Jetzt drohen Schlammschlachten. Von Martin Beils

Der Bundespräsident hat sich angesagt. Joachim Gauck wird einen Teil der deutschen Olympia-Mannschaft heute auf dem Münchner Flughafen willkommen heißen. Ganz schön viel der Ehre für ein enttäuschendes Team. Der TV-Sender "Sky" überträgt die Ankunft der "Olympia-Helden", wie er ankündigt, ab 13 Uhr. Olympia-Helden? Vor allem tragische Helden werden aus dem Flugzeug klettern. Die Sotschi-Bilanz liegt weit unter den Erwartungen. Sie ist die schlechteste bei Winterspielen seit der deutschen Vereinigung.

30 Medaillen, davon zehn goldene, und ein Platz auf dem Podium der Nationen – all diese Vorgaben hat das Team deutlich verpasst. Als Sechster im Medaillenspiegel liegt Deutschland weiter hinter den führenden Nationen Russland und Norwegen, mit denen sich der DOSB im Vorfeld auf Augenhöhe gesehen hatte. Und hinter den Niederlanden. Die in Zielvereinbarungen festgehaltenen Ansprüche waren hoch, aber nach den Ergebnissen der jüngsten Weltmeisterschaften und vieler Weltcups nicht unrealistisch. Anders als das vor London 2012 formulierte, aber völlig absurde Ziel von 86 Medaillen. Nach dem Scheitern der Münchner Olympiapläne für 2022 erlebt der Dachverband in Russland binnen weniger Monate eine weitere krachende Niederlage.

Die Tops und Flops von Sotschi FOTO: afp, sochic

Totalausfälle im Bobsport und bei den Eisschnellläufern

Nach guter erster Woche mit überragenden Ergebnissen der Rodler kam nicht mehr viel. Bobsportler und Eisschnellläufer waren Totalausfälle am Schwarzen Meer und im Kaukasus. Erstmals seit einem halben Jahrhundert gab es in diesen Traditionssportarten keine Medaillen für Deutschland. Biathleten und Skilangläufer enttäuschten ebenfalls. Die Eishockeyspieler konnten nicht einmal das, sie hatten sich gar nicht erst für das Turnier qualifiziert und schlossen damit an das Sommer-Debakel an, als Handball, Basketball und Fußball in London nicht vertreten waren.

Die Debatte um die Zukunft des deutschen Spitzensports tobt. "Wenn der deutsche Sport keine 30 Medaillen holt, ist das eine Chance, darüber nachzudenken, wie er künftig 40 holt", sagte Werner Schuster, der Trainer der Skispringer. Er deutet die Krise als Chance.

Der für den Sport zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) sagte in Sotschi: "Ein Land mit unseren Ansprüchen gehört in die Spitze des Sports." Doch wie weit reicht die Spitze hinab? Es sieht so aus, als könne Deutschland weder im Sommer noch im Winter dauerhaft in dieser höchsten Liga mitspielen. Mehr und mehr Länder drängen nach vorn. Die führenden Sportfunktionäre rechnen mit einem noch deutlicheren Einbruch spätestens bei den Spielen 2020 in Tokio. Doch möglicherweise wird es schon in zwei Jahren in Rio de Janeiro und 2018 bei den Winterspielen in Pyeongchang noch ärger als in Sotschi.

Rund 130 Millionen Euro bekommt der Spitzensport aus dem Bundeshaushalt. Statt der 38 Millionen Euro pro Jahr, die der Dachverband gern zusätzlich hätte, bekommt er wohl nur ein Plus von vier Millionen. "Wie kommt der Steuerzahler dazu, den Spitzensport zu finanzieren?", fragte de Maiziere, um selbst zu antworten. Die Vorbildfunktion leistungsbereiter Athleten hat nach wie vor in der Bundesregierung viele Anhänger.

Zur Tradition des deutschen Sports gehört eine breite Förderung über alle olympischen Sportarten. Aber hat dieses Gießkannenprinzip Zukunft? Oder wäre es besser, an einigen Stellen zu klotzen, anstatt überall zu kleckern?

"Da geht uns ein bisschen die Luft aus"

Das Beispiel der neuen Freestyle-Disziplinen macht das Dilemma deutlich. Wolfgang Maier, Sportdirektor des Deutschen Skiverbands, hat die Zukunft der jungen Olympia-Sportarten wie Skicross in Deutschland in Frage gestellt, sollten die Fördermaßnahmen gekürzt werden. "Wenn der DOSB es weiter möchte, soll er es fördern. Wenn er es nicht möchte, dann stellen wir es ein", sagte Maier. Die Eisschnellläufer haben keine Idee, wie es wieder vorangeht. Dass die jetzt 42-jährige Claudia Pechstein mangels Konkurrenz mit einem Start in vier Jahren in Südkorea liebäugeln darf, ist bezeichnend. Und Biathlon-Trainer Uwe Müssiggang orakelt: "In nächster Zeit wird es nicht einfach im deutschen Frauen-Biathlon. Da geht uns ein bisschen die Luft aus."

Eine Schlammschlacht kündigt sich an. Schuldzuweisungen dringen durch. Es geht um Millionen und um Posten in der kaum überschaubaren von hemmenden föderalistischen Strukturen und vielen Eitelkeiten geprägten deutschen Sportlandschaft. Befremdlich wirkt es, dass sich Verantwortliche des DOSB in der vergangenen Woche noch damit brüsteten, dass die Deutschen weltweit um ihre Struktur im Sport beneidet werden. Alfons Hörmann, seit nicht einmal 100 Tagen erster Mann im DOSB, sagt: "Die gesamte deutsche Sportstrategie wird diskutiert. Das wird kein einfacher Weg." Denn mehr Rodelwettbewerbe wird es bei Olympia nicht geben.

Quelle: RP

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