Eishockey-Duell gegen Kanada: DEB-Stürmer ist Staatsfeind Nummer eins
zuletzt aktualisiert: 23.02.2010 - 13:18Vancouver (RPO). Als Travis James Mulock im Olympischen Dorf die Zeitung aufschlug, blickte ihm sein eigenes Gesicht entgegen. "Wieder zu Hause – mit dem Feind", las der deutsche Eishockey-Nationalspieler, gebürtiger Kanadier, in der "Vancouver Sun".
Der 24-Jährige, der vor vier Jahren Kanada den Rücken kehrte, um im Land seines Großvaters dem Puck hinterherzujagen, ist in seiner alten Heimat plötzlich eine große Geschichte – und mutiert nahezu zum "Staatsfeind Nummer eins".
"Es ist ein wahnsinniges Erlebnis", sagte der Stürmer des deutschen Meisters Eisbären Berlin, der vor dem Play-off-Duell um den Viertelfinaleinzug am Dienstag mit Kanada ebenso im Blickpunkt stand wie die Superstars um Sidney Crosby. "Das ist so eine Erfahrung, da kannst du nur mit einem Dauergrinsen herumlaufen", sagte der Deutsch-Kanadier.
Mulock, von den Teamkollegen "TJ" gerufen, ist nicht der einzige in der deutschen Mannschaft, der beim Eishockey-Turnier der Superlative in Vancouver gegen sein Heimatland antrat. Auch Verteidiger Chris Schmidt und Angreifer John Tripp sind in Kanada geboren. Aber Mulock ist ein Vancouverite – im Vorort Langley geboren und aufgewachsen, beim Juniorenteam Vancouver Giants zum Eishockey-Profi ausgebildet.
Kein Wunder, dass Familie und Freunde jeden seiner Schritte bei Olympia verfolgten. "Sie waren im Olympischen Dorf und bei jedem Spiel im Stadion", sagte Mulock. Einen Freund traf er gegen Kanada sogar auf dem Eis – als Gegner. "Brent Seabrook hat mit mir als 17-Jähriger in einer Auswahlmannschaft zusammengespielt", berichtete Mulock, dessen Großvater einst aus Schlesien auswandert war.
Für "TJ" war das Duell mit Kanadas Stars in seinem Geburtsland ein Novum, Schmidt und Tripp hatten diese Erfahrung schon gemacht. "Aber es war nicht so toll damals", sagte Tripp und erinnerte an die 1:10-Pleite bei der WM 2008 in Halifax. In Vancouver sei "die Bühne größer", sagte Schmidt, der das Spiel gegen die Ahornblätter immer noch "ein bisschen komisch" fand.
Vor allem weil der 33-Jährige, dessen Vater Gernot nach dem Zweiten Weltkrieg Frankfurt den Rücken kehrte, früher selbst im Trikot mit dem Ahornblatt spielte. 1999 sammelte er mit Team Canada seine erste internationale Erfahrung: "Ich war in England, Russland, Schweden, der Schweiz - das waren meine ersten Schritte außerhalb Kanadas."
Seine ersten Schritte auf olympischem Eis verfolgte eine Großfamilie, "vier Geschwister, Mutter und Vater, meine Frau und meine beiden Söhne". Tripp, seit 2006 Nationalspieler und damit der dienstälteste der drei Deutsch-Kanadier, bekam die Aufmunterung nach den ersten drei Niederlagen eher aus der Ferne. "Sobald feststand, dass wir gegen Kanada spielen, habe ich in wenigen Minuten rund 15 E-Mails bekommen, alle haben mir viel Glück gewünscht", sagte der 32-Jährige, "das war cool."
Auf die Unterstützung seiner Frau Taryn musste "Hans", wie Tripp nach seinem deutschen Großvater im Mannschaftskreis genannt wird, am Dienstag verzichten. "Sie ist zurück nach Deutschland geflogen", berichtete er. Ein Basketball-Spiel in der zweiten Bundesliga mit dem SC Rist Wedel stand auf dem Programm. Der große Olympia-Auftritt ihres Mannes lief nur im Fernsehen.
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