Maria siegt, Susanne scheidet aus: Die Tränen der Familie Riesch
VON CHRISTIAN KURTH - zuletzt aktualisiert: 27.02.2010 - 14:10Vancouver (RPO). Maria weinte, Mutter Monika weinte, Vater Sigi hatte Tränen in den Augen und Susanne war untröstlich. Freud und Leid liegen bei Olympia nah beieinander, aber dass eine ganze Familie nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll, hat so wohl auch noch nicht gegeben.
Wenige Augenblicke nach dem großen Triumph, der Goldmedaille im Olympischen Slalom, wirkte Maria Riesch traurig. Im kleinen Athleten-Zelt am Zielbereich umarmte sie ihre kleine Schwester, die sich verzweifelt festhielt und um Fassung rang.
Kurz vor dem Ziel war für Susanne der Traum von einer Medaille geplatzt. Ein blöder Einfädler zerstörte die gute Ausgangsposition nach dem ersten und die Zwischenbestzeiten im zweiten Lauf. Nur ein Fehler und es war vorbei – das bittere Ende des vermeintlich großen Tages.
Schwester Maria erfuhr vom Drama vor dem eigenen Start nicht. Dennoch, nach der Bestzeit im ersten Durchgang war sie als Letzte dran, hatte ohnehin genug Druck zu ertragen. Doch sie steckte es weg, fuhr auf Angriff und blieb fehlerfrei. Als im Ziel "Platz 1" aufleuchtete, brach sie vor Glück zusammen, doch sie musste gleich zu Susanne.
"Für mich ist es ein Zwiespalt. Für mich ist das der größte Tag in meinem Leben, das zweite Gold, und für meine Schwester der bitterste Tag ihrer Karriere. Für sie ging kurz vor dem Ziel alles zuende, die ganze Welt unter. Ich leide total mit ihr. Wir haben beide geweint", erklärte Maria später.
"Unglaubliches Drama"
Auch Doppel-Olympiasiegerin und Ski-Legende Rosi Mittermeier stand bei Rieschs Slalom-Triumph im Zielraum. Auch ihre Gefühle wechselten von ausgelassener Freude zu Mitgefühl. "Die eine gewinnt Gold, die andere stürzt. Wie schwierig muss das für die Eltern sein?"
Die Frage war berechtigt, denn Monika und Sigi Riesch waren hin und hergerissen zwischen großer Freude und dem Mitgefühl für die bittere Situation der zweiten Tochter. Sie taten ihr Möglichstes, um ihre Susanne zu trösten. "Ihr gilt unser Mitgefühl", sagte Vater Sigi mit Tränen in den Augen. Augenzeuge Christian Neureuther sprach von einem "unglaublichen Drama zwischen den Schwestern: Die eine steht ganz oben, die andere ganz unten."
Während Maria später bei der Blumenzeremonie geehrt wurde, heulte Susi noch immer, diesmal an der Schulter ihrer Mutter. "Sie stand da wie Aschenputtel", fand Alpinchef Wolgang Maier. Susanne werde wohl ein paar Tage brauchen, um den Ausfall-Schock zu verdauen.
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