Königin der Spiele macht Schluss: Für Neuner ist Olympia vorbei
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 23.02.2010 - 08:50Whistler (RP). Ohne die im Einzel überragende Doppel-Olympiasiegerin gehen die deutschen Frauen heute in den Staffelwettbewerb. Bundestrainer Uwe Müssiggang schickt seine Spitzenkraft zum Feiern.
Nach dem Rennen das ihr die zweite olympische Goldmedaille brachte, hatte Magdalena Neuner noch die Chancen in der Staffel abgeschätzt. Eine Medaille soll’s werden, gab sie zu Protokoll. Eindeutig von Gold als Ziel sprach sie aber lieber nicht. "Ich finde es schade, dass in Deutschland nur Gold zählt", sagte die Doppel-Olympiasiegerin mit Seitenblick auf Simone Hauswald, die Dritte im Massenstartrennen, "aber Simone weiß, dass Bronze etwas Tolles ist. Und ich habe auch Silber schätzen gelernt." Sie sei von der Mannschaft aber überzeugt. Und auch davon, dass danach endlich die große Party steigen kann, die sie bislang nach jeder ihrer drei Medaillengewinne aufschieben musste.
Neuner kann ihre Party früher beginnen als gedacht. Bundestrainer Uwe Müssiggang, der im nächsten Winter als Chefcoach für Frauen und Männer verantwortlich ist, setzt sie gar nicht in der Staffel ein. Neuner sagt, sie habe freiwillig verzichtet. Kati Wilhelm, Martina Beck, Simone Hauswald und Andrea Henkel genießen Müssiggangs Vertrauen. "Irgendwann ist das Glück auch mal aufgebraucht", sagte er an Neuner gerichtet. Der Trainer mag sich daran erinnert haben, dass die 23-Jährige zuletzt in Ruhpolding im Staffellauf mächtig daneben lag.
"Ich rechne am Dienstag wieder mit den Konkurrenten, die auch sonst immer vorn dabei sind", sagte Hauswald. Die Französinnen mit ihren schnellen Skiern und die Norwegerinnen um Tora Berger, die im Einzelrennen Gold holte, gehören dazu. Zum Auftakt der Welcup-Saison gewann das deutsche Quartett (ohne Neuner) in Östersund. Russland (in Hochfilzen und Oberhof), und Schweden (Ruhpolding) setzten sich danach durch.
Auf einen Start ohne Gewehr, wie er seit Beginn des Winters im Gespräch war, möchte Neuner von sich aus lieber verzichten. Jochen Behle, Bundestrainer der Langläufer, habe sich bei ihr auch noch gar nicht wegen eines möglichen Starts in seiner Staffel gemeldet. Neuner scheint froh, dass sie Olympia jetzt überstanden hat. Obwohl sie nach den Erfahrungen der beiden Jahre, in denen sie zusammen sechs Weltmeistertitel holte, weiß, dass mit der Ankunft in Deutschland der Rummel noch einmal richtig losgeht. Dass sie herumgereicht werden wird, bei Vereinen und Verbänden, bei Fernsehen und Sponsoren.
Adidas fing gleich nach Zieleinlauf im Massenstartrennen mit seinem Programm an. Der Ausstatter reichte Neuner eine Brille mit goldenem Rahmen. So schlimm wie in den vergangenen Tagen sollte es aber daheim nicht wieder werden. "Manchmal komme ich mir fast wie ein Schaf vor, das zur Schlachtbank geführt wird", sagte sie, "man wird hier ziemlich grob angepackt und immer gleich angeschrien." Die "Leute in den blauen Klamotten", die Ordner und Kampfrichter also, zerrten regelrecht an ihr. Kaum eine Sekunde bleibe ihr nach Überqueren der Ziellinie, um zu verschnaufen. Nicht einmal die Jacke dürfe sie anziehen, ohne dass sie jemand von A nach B dränge.
Den eine Din-A-4-Seite umfassenden Text des Doping-Protokolls, der ihr jedes Mal vom ersten bis zum letzten Buchstaben vorgelesen werden muss, kennt sie bald auswendig. Immerhin bedrängen sie die Zuschauer nicht so wie bei den Rennen in Mitteleuropa. Sie weiß es zwar zu schätzen, dass viele deutsche Fans den weiten Weg an den Pazifik auf sich genommen haben.
Doch habe es auch sein Gutes, wenn nicht der "Obermega-Trubel wie in Oberhof" herrsche, sondern mit rund 5000 Zuschauern pro Rennen lediglich ein Viertel der Zahl zu verzeichnen ist, wie bei den Wettkämpfen am Rennsteig. Gold und Bronze im Massenstartrennen waren auch ein Produkt von Teamwork. "Auf der vierten Runde (von fünf, Anm. d. Red.) haben Simone und ich uns richtig nach vorn katapultiert", sagte Neuner. Hauswald: "Lena, nimm mich mit, habe ich mir da nur innerlich gesagt." Neuner: "Und ich habe mir nur gesagt: Simmi, bleib da." Sie blieb da und hakte damit Turin endgültig ab. Vor vier Jahren gehörte die Schwäbin zum Team, doch Müssiggang setzte sie nicht ein. "Ich wollte mit einer Einzelmedaille hier abreisen. Es ist schön, dass ich das geschafft habe", erklärte sie. Leicht zu glauben.
Mit zwei Gold- und einer Silbermedaille steht Neuner an der Spitze aller rund 2500 Athleten in Vancouver. Ihre bekannte Stärke auf dem Kurs – mit 13 Sekunden Rückstand auf die Schwedin Anna Carin Olofsson-Zidek kam sie auf die zweitschnellste Zeit auf der 12,5-km-Strecke – ergänzt sie nach intensivem Training jetzt durch Präzision, aber auch durch Tempo am Schießstand. Sie war die viertschnellste Schützin im 30-köpfigen Feld. Neuner entwickelt sich zur kompletten Biathletin. Und Staffelläufe kommen für sie schon noch genug.
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