Olympia: Frauen halten Deutschland vorn
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 01.03.2010 - 11:54Vancouver (RPO). Die Bilanz der Winterspiele fällt gut aus. Das deutsche Team behauptet sich in der Weltspitze, auch wenn es diesmal nicht zum ersten Rang im Medaillenspiegel reicht. Die Mannschaft profitiert vor allem von den guten Leistungen der Frauen. Schwächen gibt's in den neuen Sportarten.
Vielleicht ist das schon wieder ein kleiner Schlag zu viel. Durch Münchens Siegestor rollt der Autokorso morgen, wenn die bayerische Landeshauptstadt die deutsche Olympiamannschaft begrüßt, durch ein Bauwerk, das König Ludwig I einst seinem Heer widmete.
Doch vielleicht passt es ja. Denn neben Zollbeamten und Polizisten sorgten ja in erster Linie Bundeswehrsoldaten in Kanada für den Erfolg. Wie Hauptfeldwebel André Lange, der mit Silber im Viererbob seine Karriere und eine gute olympische Bilanz der deutschen Mannschaft abschloss.
Deutschland behauptet sich neben den Nordamerikanern und Norwegen in der Weltspitze des Wintersports, auch wenn es anders als in Turin vor vier Jahren nicht für die Spitzenposition im Medaillenspiegel reichte. Nur eine Goldmedaille weniger, aber dafür einen Podiumsplatz mehr als in Turin, drücken Konstanz auf höchstem Niveau aus.
Was die Biathleten, die männlichen, dieses Mal im Vergleich zu 2006 versäumten, fuhren die alpinen Skifahrerinnen ein. Überhaupt war der Erfolg mit acht von zehn Goldmedaillen vornehmlich Frauensache. Besonders hoch fiel die Ausbeute auch im Whistler Sliding Center aus, wo deutsche Bobfahrer und Rodler zehn Medaillen gewannen. Vancouver bestätigt, dass "wir eine Wintersportnation sind, die besonders stark im Frauen- und Techniksport" ist, wie Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) feststellte.
"Ein koservatives Sportland"
Doch die vergangenen gut zwei Wochen machten auch Schwachstellen deutlich. "Wir sind ein konservatives Sportland", stellte Timm Stade, der Sportchef des Deutschen Snowboard-Verbandes, fest. Am Cypress Mountain, wo es in den Snowboard-Wettbewerben und im Freestyle-Skifahren zwölfmal Gold zu holen gab, spielten die deutschen Athleten keine große Rolle.
Auch Shorttrack, das acht Wettbewerbe umfassende Spektakel auf der kurzen Eisbahn, ist ein blinder Fleck. Stade: "Wir haben hier ein strukturelles Problem. Hier muss sich der deutsche Sport etwas überlegen." Insbesondere fehle es an Trainingsstätten für den Nachwuchs. Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), machte ihm mit Blick auf München 2018 Hoffnung. "Eine Olympia-Bewerbung ist ja immer ein Konjunkturprogramm für den Sport", sagte der ehemalige NRW-Minister.
In den traditionellen Sportarten geht es umgehend mit Großereignissen, die auch unter dem Stern der Münchner Bewerbung stehen, weiter. Weltmeisterschaften im alpinen Skisport in Garmisch-Partenkirchen, im Eisschnelllauf in Inzell und im Bobsport am Königssee beschert der kommende Winter. 2012 treffen sich die Biathleten zu ihren Weltmeisterschaften in Ruhpolding.
Die deutsche Olympia-Mannschaft schrieb am Pazifik nicht nur ordentliche Zahlen. Sie lieferte auch Geschichten mit Herz und Schmerz, die das ganze Land beschäftigten. Die Diskussionen um die Freiwilligkeit von Magdalena Neuners Abwesenheit in der Biathlon-Staffel, Anni Friesingers Schwimmeinlage auf der Eisbahn und die Nachricht, dass Snowboarderin Amelie Kober als werdende Mutter unterwegs war, bewegten das Publikum. Die tröstende Umarmung der Slalom-Olympiasiegerin Maria Riesch mit ihrer kurz vor dem Ziel vom Weg abgekommenen Schwester Susanne prägt sich als ein Bild von Vancouver ein.
Auf rund 3,5 Milliarden taxiert das Internationale Olympische Komitee die Zahl der Zuschauer, die während der 17 Tage von Vancouver und Whistler mindestens einmal TV-Bilder von den Wettbewerben gesehen haben. Das ist die Hälfte der Menschheit und nicht viel weniger als bei den ungleich vielfältigeren Sommerspielen von Peking (4,7 Milliarden), die rund dreimal so viele Wettbewerbe bieten. Mit Zuschauerzahlen von zum Teil mehr als zehn Millionen setzte sich auf den deutschen Sendern der Wintersport in der Gunst der Fernsehzuschauer sogar gegen Champions League und Europa League durch.
Ab heute hat der Fußball wieder freie Bahn: möglichst bis ins WM-Finale.
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