Interview mit Jonathan Briefs: "Gewinner arbeiten mit Spaß"
VON MARTIN BEILS FÜHRTE DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 13.02.2010 - 10:14Vancouver (RP). Der Kölner Karnevalist Jonathan Briefs arbeitet als "Humorberater" mit den österreichischen Skispringern. Auch heute beim olympischen Springen auf der kleinen Schanze hält er Kontakt zu ihnen.
Sie als Rheinländer sind als "Humorberater" der österreichischen Skispringer bekannt geworden. Wie ist es zu diesem besonderen Engagement gekommen?
Briefs Marc Nölke, der Co-Trainer der Österreicher, und ich haben uns vor ein paar Jahren bei einer Zusatzausbildung kennengelernt. Damals habe ich ihm erzählt, dass ich vor allem Coaching mit den Methoden des Improvisationstheaters mache. 2008 hat sich Marc an mich erinnert, als die Österreicher nach neuen Impulsen suchten.
Wie passen Skispringen und Improvisationstheater zusammen?
Briefs Es gibt einige Parallelen. Zum Beispiel die Fokussierung auf das Hier und Jetzt. Oder das Originalitätsprinzip. Impro-Theater geht oft daneben, wenn man übertrieben lustig sein will. Das Naheliegende, die erstbeste Idee kommt besser an. Übersetzt ins Skispringen heißt das: Der Versuch, immer einen besonders guten Sprung zu liefern, bringt oft schlechtere Ergebnisse, als wenn man nur das Normalprogramm abspult. Übungen zu diesen Bereichen habe ich mit den Springern gemacht.
Das ist Jonathan Briefs
Alter 49 Jahre
Geburtsort Aachen
Wohnort Köln
Beruf Schauspieler, Autor
Tätigkeiten Kommunikations- und Business-Coach unter anderem für Deutsche Telekom, Post, Allianz, Akzo, Rednerausbilder in der Rednerschule des Festkomitees Kölner Karneval; aktuelles Stück: "Vom Winde verweht"
Und wo kommt dann der Humor ins Spiel?
Briefs Im vergangenen Jahr haben wir unter der Überschrift "Gewinner sind Spaßarbeiter" gearbeitet. Ein Gedanke dabei war, zurück zur Ursprungsmotivation zu finden, die die Athleten als Kinder hatten, als sie mit dem Skispringen anfingen. Als Kinder hatten sie diese Begeisterung und den Spaß am Skispringen, ohne dass es um Medaillen, Geld oder Sponsoren gegangen wäre. Auf diese spielerische Ebene wollten wir wieder kommen.
In welchen Bereichen haben Sie noch gearbeitet?
Briefs Wenn wir Spiele machen, die den Status der Sportler in der Gruppe, also die Hackordnung, thematisieren, dann ist das gemeinsame Lachen darüber immer eine Art Distanzierung von der Schwere der Problematik. Wenn man über etwas lacht, baut man Distanz auf und kann sich dem Thema aus einer neuen Perspektive widmen.
Schlierenzauer, Morgenstern, Loitzl, Kofler und wie sie alle heißen sind alle Weltklasse. Macht das die Arbeit besonders kompliziert?
Briefs Es gab und gibt zwischen ihnen natürlich eine Konkurrenz. Das ist ein Luxusproblem. Wer hat schon die größten Konkurrenten in der eigenen Mannschaft? Da haben wir diskutiert auch humorvoll ob das positiv oder negativ zu betrachten ist. Jetzt ist es zum ersten Mal so, dass sie es als positiven Aspekt betrachten. Der Teamspirit ist entstanden und er ist authentisch.
Behandeln die Österreicher ihre Springer anders als andere Nationen?
Briefs Ich sehe eine Wertschätzung für jeden, der da ist, als Mensch und als Athlet. Gerade diese Trennung zwischen Mensch und Athlet will man bei den Österreichern nicht. Sie sollen nicht nur Medaillenholer sein. Das besondere Erfolgsrezept liegt darin, dass die Persönlichkeit jedes einzelnen geschätzt wird.
Ist die Atmosphäre anders als etwa in Deutschland?
Briefs Diese unglaubliche Offenheit, die bei den Österreichern herrscht, macht mich immer noch sprachlos. Ich bin gut aufgenommen worden. Sie haben sich auf das Risiko mit mir eingelassen. Sie sind alles mitgegangen. In Deutschland müsste man wohl erst durch tausend Gremien, um an die Sportler heran zu kommen.
Haben Sie jetzt auch Kontakt mit dem Team?
Briefs Es gibt immer wieder Kontakt per Telefon, E-Mail, SMS. Wenn mir am Fernsehen etwas auffällt, gebe ich Rückmeldung. Ich sehe, wie sich die Sportler verhalten: im Springerdorf, auf dem Balken und wenn sie unten sind. Manchmal fallen mir Sachen auf, die Einfluss finden in das Nachgespräch.
Auch an dem heutigen Karnevalssamstag?
Briefs Man muss Prioritäten setzen. Deshalb gucke ich mir das olympische Skispringen auf der Normalschanze zuerst an. Erst danach stürze ich mich in den Karneval.
Fehlt es dem Sport insgesamt an Humor?
Briefs Trainer aus anderen Sportarten rufen mich vermehrt an. Ich habe den Eindruck, dass viele versuchen, einen anderen Zugang zum Thema Leistungssport zu bekommen, der wieder mehr mit Lust und Spaß zu tun hat. Es gibt ja diesen Satz "Quäl dich, du Sau" vom Radprofi Udo Bölts an Jan Ullrich gerichtet. Der sagt ja einiges. Und es gibt diesen Satz von Sven Hannawald: "Ich mach mein Zeug." Klingt sehr isoliert. Nicht so brutal quälerisch, aber sehr einsam. Unsere Geschichte "Gewinner sind Spaßarbeiter" hat eine ganz andere Ausstrahlung und erreicht anscheinend die Sportler.
Sie treten im Karneval unter anderem als "Et Depressivche" auf. Geht das nach dem Tod von Robert Enke, der unter Depressionen litt, noch?
Briefs Ich habe darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Ja, das geht. Das Depressivchen hat eine ganz depressive Weltsicht. Die Freundin hat ein Boderline-Syndrom, dazu kommt Kontakt-Allergie, Angst beim Sex und so weiter. Das ist eine totale Antifigur, alles ist grau: Kostüm, Haare, Nase. Sie trägt wie das Botterblömche eine Blume, aber eine graue. Dazu eine graue Pistole, aus der graues Konfetti fliegt. Das ist so eine Sicht auf die Welt, die fast intelektuell-philosophisch ist. Diese Weltsicht funktioniert gerade im Karneval, das ist sehr interessant. Das Publikum ist sprachlos.
Eignen sich Sportthemen für den Karneval?
Briefs Es gibt ja angestoßen durch Theo Zwanziger seit einiger Zeit eine Diskussion über Homosexuelle im Fußball. Wir haben mal überlegt, was wäre, wenn alle Spieler der deutschen Nationalmannschaft homosexuell wären. Und auf der Tribüne säßen nicht die Spielerfrauen, sondern die Spielergatten. Das ist eine Vorstellung, die eigentlich auch keiner will. So kann man das sehr drastisch gestalten. Diese Nummer funktioniert. Sonst fällt mir kein Sportthema ein.
Warum beschäftigen sich Büttenredner nicht mit dem Sport?
Briefs Vielleicht gibt es zu wenig Helden. Auch in der Politik wird es immer schwieriger, weil es an Köpfen mangelt, an denen man sich reiben kann. Ich habe jetzt eine politische Rede gehalten. Guttenberg, Nahles, Müntefering, Merkel, Westerwelle und Rösler kamen drin vor.
Aber Sportler finden Sie nicht?
Briefs Ich überlege, wer das im Sport sein könnte. Beckenbauer ist ja nun wirklich abgenudelt. Tante Käthe? Pffh. Pechstein? Nein. Ullrich? Näh. Martin Schmitt? Hm. Und der Poldi ist ja auch durch. Es gibt zu wenige Köpfe. Komik oder auch gerade eine Büttenrede funktioniert nur, wenn es ein kollektives Gedächtnis gibt. Es gibt jemanden, auf denen man sich einigen kann, von dem es Grundkoordinaten gibt. Dann kann man den parodieren oder brechen. Wenn es das nicht gibt, fehlt die Geschäftsgrundlage.
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