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Ein Jahr nach Olympia
In Sotschi herrscht fast nur noch Tristesse

Die Tops und Flops von Sotschi
Die Tops und Flops von Sotschi FOTO: afp, sochic
Sotschi. Gut ein Jahr nach den Olympischen Winterspielen herrscht in Sotschi gähnende Leere. Daran ändert auch das bevorstehende Fed-Cup-Halbfinale zwischen Gastgeber Russland und der deutschen Mannschaft am kommenden Wochenende nichts.

Auf der rund zehnminütigen Autofahrt vom mondänen Hotel in die Adler Arena wird Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner immer ein bisschen nachdenklich. Sotschi, da war doch was? Knapp 14 Monate nach den Olympischen Winterspielen herrscht in der Bergregion Krasnaja Poljana am Schwarzen Meer aber längst gähnende Leere. Eine Geisterstadt, in der nachts viele bunte Scheinwerfer die zum Teil unbewohnten Appartement-Blöcke kitschig beleuchten.

Ein Dschungel aus Beton - mit vielen weißen Elefanten als Krönung. "Es ist schon krass. Da sieht man die ganzen Hallen und Stätten, an denen olympische Wettbewerbe ausgetragen wurden, und sie sind tot. Das ist traurig zu sehen, da macht man sich seine Gedanken", sagte Rittner. Man müsse das "politisch überdenken, wenn solche Arenen nach Olympia nicht verplant sind".

Die Halle in Sotschi, in der am Wochenende die deutsche Mannschaft gegen Gastgeber Russland um den Einzug ins Fed-Cup-Finale spielt, wurde in den olympischen Wochen im Februar 2014 als Eisschnelllauf-Tempel genutzt. Mittlerweile dient der Bau mit den unzähligen Neonscheinwerfern an der Decke als Tennis-Akademie. An Tennis erinnern aber lediglich die beiden Sandplätze, die ein wenig lieblos am Ende der Geraden geschaffen wurden. Installierte Stahlrohrtribünen bieten am Samstag und Sonntag rund 4000 Fans Platz.

Formel 1 bringt ein bisschen Leben nach Sotschi

Ein wenig Leben hauchte dem Badeort zumindest für ein paar Tage das Formel-1-Rennen im Oktober 2014 ein, zu dem nach Angaben der Veranstalter 55.000 Fans an die neugebaute Strecke pilgerten. Doch auch der amtierende Weltmeister Lewis Hamilton hatte sich seinen ersten Besuch damals ganz anders vorgestellt. "Russland steht für mich für Wodka, kaltes Wetter und schöne Frauen. So kenne ich es aus den Filmen", sagte der britische Mercedes-Pilot seinerzeit lächelnd: "Ich wusste gar nicht, dass es hier auch Berge gibt." Viele Touristen lockte das Ereignis damals nicht an die russische Riviera - nur geschätzte zehn Prozent kamen aus dem Ausland nach Sotschi, um sich das PS-Spektakel live anzuschauen.

Die Rennstrecke, deren Asphalt fast jungfräulich in der Frühlingssonne schimmert, liegt nur einen Steinwurf von der Tennis-Arena entfernt. Ebenso wie der fast ungenutzte, aber immer noch nagelneu erscheinende Bahnhof. Oder die unzähligen und leeren Parkplatz-Flächen, die von künstlichen Palmen umsäumt werden. Vor dem Flughafengebäude sind noch immer die beleuchteten fünf olympischen Ringe der Hingucker. Einzelne Schilder weisen wie ewig Gestrige auf die Wettkampfstätten der mit rund 35 Milliarden Euro teuersten Winterspielen der Geschichte hin. Schnee von gestern.

In diesen Tagen wird gemunkelt, dass Wladimir Putin wieder mal in Sotschi vorbeischauen wolle. Der russische Präsident hatte anscheinend geplant, das Fed-Cup-Halbfinale zu besuchen - und sich in politisch schwierigen Zeiten werbewirksam mit Superstar Maria Scharapowa ablichten zu lassen. Die in Florida und Kalifornien beheimatete Russin hatte ihre Teilnahme am Dienstag allerdings wegen einer Beinverletzung absagen müssen. Jetzt kommt auch Putin nicht.

Die Hoffnung auf die Rückkehr von Glamour (Scharapowa) und Macht (Putin) - in Sotschi dauerte sie nur wenige Tage.

(sid)

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