Olympia-Tagebuch: Der Mann mit der Macht
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 26.02.2010 - 07:27Vancouver (RPO). Der europäische Sportsfreund tut sich schwer mit dem, was die Nordamerikaner unter Fankultur verstehen. Der Fanclub der Eishockeyfirma Vancouver Canucks etwa ist schlicht eine Abteilung dieses Unternehmens, für das sogar auf Omnibussen geworben wird. Mit Kuttenträgertum à la Schalke 04 hat diese Organisation rein gar nichts zu tun.
Spontane Sprechchöre sind bei den Auftritten der Eishockey-Nationalmannschaft selten. Das Publikum reagiert aber brav auf die Anweisungen vom Videowürfel, wenn da etwa steht: "Macht Krach!" Es leistet auch den Animateuren Folge, die sich in den zahlreichen Unterbrechungen in die Gänge stellen und klatschen, trommeln, toben.
Der Videowürfel liefert aber auch lustige Programmteile. Höhepunkt ist die "Kiss Cam" in den Drittelpausen. Die Kameraleute fangen Pärchen auf der Tribüne ein. Und während die dann – umrankt von einem Herzen – auf den XXL-Bildschirmen gezeigt werden, müssen sie sich zur Gaudi von 16000 Menschen küssen. Wehe, wenn nicht, dann grollt die ganze Arena, als hätte Team Canada einen Penalty vergeben. Außerdem werden Promis wie Donald Sutherland gezeigt. In die "Kids Cam" dürfen Kinder winken. Und die "Volunteer Cam" ehrt die freiwilligen Helfer. Denn die können gar nicht genug gewürdigt werden.
Unser Reporter in Vancouver
Martin Beils, 43, berichtet für uns von den Olympischen Winterspielen in Vancouver und Whistler. Bei früheren Reisen fuhr er schon gemeinsam mit dem ehemaligen kanadischen Weltklasse-Abfahrer Steve Podborski auf den Pisten in Whistler. Auch die Eischnelllaufbahn, das Olympic Oval, in Richmond hat er bereits getestet. Nur auf die Bobbahn hat er sich nicht gewagt.
Die vielen Tausend Volunteers mit ihren blauen Anoraks leisten unbezahlbare Dienste. Im Medienzentrum sorgen sie zum Beispiel ständig für Ordnung. Sie räumen Müll weg, rücken Stühle gerade und leiten zu kundigen Menschen weiter, wenn mal technische Probleme auftreten. Immer freundlich, immer geduldig.
Den wichtigsten Job allerdings bekleidet Richard Davies. Von Sonnenaufgang bis weit nach -untergang stolziert er würdevoll durch den gigantischen Arbeitsraum. Er hat die Macht. Er hat die Fernbedienung, mit der er Hunderte von Fernsehern bedienen kann. Wenn man ihn ganz lieb fragt, schaltet er auf Biathlon um oder auf Skispringen. Aber lieb muss man sein. Denn wenn es nach Richard gehen würde, liefe den ganzen Tag überall Eishockey.
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