Olympia-Tagebuch: Drängeln als Randsportart
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 25.02.2010 - 11:03Vancouver (RPO). Skytrain fahren ist eine schöne Sache. Die meiste Zeit fährt Vancouvers beliebtestes Verkehrsmittel, wie der Name schon sagt, in der Luft, auf Stelzen ein paar Meter über dem Boden. Die Aussichten sind prächtig. Auf schneebedeckte Bergkuppen, auf Meeresarme, in schmuddelige Hinterhöfe und auf Kaufhausparkplätze. Viel abwechslungsreicher ist das als eine öde Fahrt mit einer U-Bahn.
Unser Reporter in Vancouver
Martin Beils, 43, berichtet für uns von den Olympischen Winterspielen in Vancouver und Whistler. Bei früheren Reisen fuhr er schon gemeinsam mit dem ehemaligen kanadischen Weltklasse-Abfahrer Steve Podborski auf den Pisten in Whistler. Auch die Eischnelllaufbahn, das Olympic Oval, in Richmond hat er bereits getestet. Nur auf die Bobbahn hat er sich nicht gewagt.
Die Leute in Vancouver sprechen immer voller Stolz von ihrem Hochbahnnetz, das aus drei Linien besteht: der zur Weltausstellung in der 80er Jahren eröffneten Expo-Line, der Millenium-Line und der „Kännäda“-Line, die hinaus zum Flughafen und zum vorwiegend von chinesischen Einwanderern und holländischen Eisschnelllauf-Fans bevölkerten Richmond führt.
Der Skytrain transportiert an diesen olympischen Tagen viele, viele Menschen. Am vergangenen Wochenende etwa war kaum ein Hereinkommen in die Bahnhöfe. Wer nicht stundenlang anstehen wollte, musste vier bis fünf Stationen weit aus der Stadt herauswandern, um mal auf einen Bahnsteig zu gelangen. In den Waggons verhalten sich die Kanadier und die offenbar vom guten Benehmen angesteckten internationalen Gäste vorbildlich. Ständig bietet ein Jüngerer einem Älteren den Platz an. Man ist freundlich zueinander und pflegt gern Smalltalk.
Kaum zu glauben, wenn man die Szenen beim Einsteigen sieht. Nicht dass man erst Passagiere aussteigen lässt. Nein, man drängelt wüst drauflos, sobald die Türen öffnen. Womöglich liegt auch das am hohen Anteil von Menschen chinesischer Abstammung. Viele Olympia-Berichterstatter, die 2008 in Peking waren, können ein Lied vom U-Bahn-Chaos dort singen. Vielleicht erklärt sich der Hang zum Drängeln aber auch nur aus der Vorliebe für Eishockey. Am Skytrain-Zugang ist jeder eben ein kleiner Sidney Crosby.
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