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Olympische Winterspiele
Zittert das IOC vor Russlands Macht?

Russischer Dopingsumpf: eine Chronologie
Russischer Dopingsumpf: eine Chronologie
Lima/Köln. Russland hat die olympische Familie in Sotschi schamlos betrogen, dennoch scheint das IOC den Athleten aus dem Riesenreich eine goldene Brücke nach Pyeongchang zu bauen. Der gewaltige Einfluss Russlands im Weltsport könnte der Grund sein.

Fünf Monate vor den Winterspielen in Pyeongchang ist ein Start eines russischen Teams in Südkorea wahrscheinlicher denn je. Das ist das zentrale Ergebnis der IOC-Session in Lima, wo die wichtigsten Entscheider im Weltsport weiter fleißig an einer goldenen Brücke für Russland nach Asien bauten. Jenem Russland, das vor knapp vier Jahren bei den Heim-Spielen in Sotschi die olympische Familie so schamlos betrogen hat wie noch nie jemand zuvor.

In Lima verankerte die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees Geldstrafen für Dopingsünder in der Verfassung. Kurz zuvor hatten erste Medien berichtet, dass sich das IOC wohl mit einer hohen Geldstrafe gegen Russland begnügen und auf einen Pyeongchang-Bann verzichten wolle. Zufall? Wohl kaum.

Zudem kritisierte Craig Reedie, Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und auch IOC-Mitglied, die Forderung von 17 Nationalen Anti-Doping-Agenturen nach einer Verbannung aller Russen von den Spielen in Südkorea deutlich - eine Forderung, die die Wada vor den Sommerspielen in Rio noch höchstselbst gestellt hatte. Das Fundament für ein nachsichtiges Handeln gegenüber der Staatsdopingnation Russland ist also gelegt. Sollte das IOC, das noch in diesem Herbst entscheiden will, tatsächlich erneut Milde gegenüber Russland walten lassen, stellt sich die Frage: warum? Warum riskiert das IOC, auch das letzte Stück seiner Glaubwürdigkeit zu verspielen?

In der Hängepartie rund um die russischen Athleten vor den Spielen in Rio kam das Gerücht auf, der russische Geheimdienst habe eine Akte mit belastendem Material über Präsident Thomas Bach und andere IOC-Granden zusammengestellt. Wen das zu sehr an einen schlechten Krimi erinnert, für den könnte es wahrscheinlicher sein, dass die immense Macht von Wladimir Putin und seinen Gefolgsleuten im Weltsport der ausschlaggebende Faktor ist. Der russische Präsident begreift den Sport als große Werbemaßnahme für sein Reich, entsprechend ernst nimmt er ihn.

Wladimir Potanin, einer der reichsten Männer Russlands, gab im Frühjahr 2014 dem Forbes-Magazin einen Einblick in das Machtsystem. "Das ganze Gerede, dass man Koffer voller Geld bringt, und dann läuft alles - das ist Unsinn", sagte der Oligarch: "Wenn du Geld für die Organisationen gibst, bedeutet das, dass du die Möglichkeit erhältst, Wettkämpfe durchzuführen und in Führungspositionen zu kommen. Das ist viel effizienter als alle Koffer voller Geld."

Russland verschafft sich also zunächst Einfluss und erzeugt dadurch Abhängigkeit. Der Energie-Riese Gazprom gehört zu den Hauptsponsoren der Fußball-Verbände Fifa und Uefa. Neben Potanin, der für die Olympischen Spiele in Sotschi mehrere Hundert Millionen Euro in die Errichtung des Skiresorts Rosa Chutor pumpte, verpulvern weitere Oligarchen im Sinne von Mütterchen Russland und Väterchen Putin irrsinnige Summen auf der Spielwiese Sport.

Nur die Schweiz hat mehr IOC-Mitglieder

Alischer Usmanow, ein weiterer russische Milliardär, ist Präsident des Welt-Fechtverbandes FIE. Russland hat derzeit drei IOC-Mitglieder, nur die Schweiz (4) hat mehr. Unter den Ehrenmitgliedern ist noch der skandalerprobte Witali Smirnow zu finden. Nur zur Erinnerung: Bach muss sich 2021 zur Wiederwahl stellen.

Dass die Fußball-WM 2018 trotz aller Skandale in Russland stattfinden wird, dafür sorgt auch Witali Mutko. Der mehr als umstrittene Vize-Premier zieht jede Menge Strippen, obwohl er auf Initiative der hauseigenen Governance-Kommission nicht mehr dem Fifa-Council, der "Regierung" des Weltverbandes, angehören darf. Diejenigen Chefaufseher, die dies zu verantworten hatten, wurden mittlerweile, nach nicht mal einem Jahr im Amt, vom Hof gejagt.

Fifa-Präsident Gianni Infantino und seine Generalsekretärin Fatma Samoura hatten zuvor vergeblich versucht, die unabhängige Kommission vom Anti-Mutko-Kurs abzubringen, weil sonst laut Samoura "Infantinos Präsidentschaft infrage gestellt" und die WM 2018 in Russland "zum Desaster" werden würde. Auch in der Fifa ist die Angst vor Russlands Macht groß. Auch ihr ist Machtkalkül wichtiger als Integrität.

Der Schwimm-Weltverband Fina ehrte Putin 2014 mit dem höchsten Orden des Verbandes, kurze Zeit nach der Annexion der Krim und dem Ausbruch des Konflikts in der Ostukraine. Im Judo-Weltverband IJF ist Putin Ehrenpräsident. Boss des Verbandes ist der Ungar Marius Vizer, ein enger Vertrauter des Kreml-Chefs.

Und kurz vor der Session in Lima brachten die Schweizer IOC-Mitglieder René Fasel und Gian Franco Kasper im Falle einer Eskalation des Atomstreits auf der koreanischen Halbinsel einen interessanten Ersatz-Gastgeber ins Spiel: Sotschi!

(sid)

 
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