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IOC stimmt über Russland-Ausschluss ab
Enorme Anspannung vor Urteil im Dopingskandal

Das ist Thomas Bach
Das ist Thomas Bach FOTO: dpa, pse jhe puk lof
Lausanne. Komplett-Ausschluss oder doch nur eine Geldbuße? Wie hart wird Russland für den Betrug an der olympischen Bewegung bestraft? Das IOC und Präsident Thomas Bach fällen heute Abend in der russischen Staatsdopingkrise eine Entscheidung von sporthistorischer Tragweite.

Am Dienstagabend (19.30 Uhr) blickt die Sportwelt gebannt nach Lausanne, wenn das Internationale Olympischen Komitee (IOC) in einer sporthistorischen Entscheidung über die Teilnahme Russlands an den Winterspielen in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) entscheidet. Die möglichen Strafen reichen von der Geldbuße bis zum Komplett-Ausschluss.

Noch nie in der 120-jährigen olympischen Neuzeit-Geschichte wurde eine ganzes Land wegen Dopings ausgeschlossen. Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach steht vor der wichtigsten Entscheidung seiner Amtszeit: Setzt er ein klares Zeichen der Abschreckung, oder knickt er vor der olympischen Großmacht Russland ein?

Egal, wie das Pendel ausschlägt, eine Seite wird den Tauberbischofsheimer am Ende mit Schimpf- und Schande überschütten, ein goldener Mittelweg zeichnet sich nicht ab. Fraglich bleibt, ob der gewiefte Taktiker einen nachhaltigen Tiefschlag kassiert. "Es gibt für Präsident Bach jetzt eine Gelegenheit, sein Vermächtnis zu definieren - auf die eine oder die andere Weise", sagte Travis Tygart, Chef der US-Antidopingagentur Usada, bei ntv.

Seit Wochen wird wild über das Ausmaß der Sanktionen spekuliert, selbst der Komplett-Ausschluss von Pyeongchang ist möglich. Auch eine Geldstrafe über 100 Millionen US-Dollar oder der Start unter neutraler Flagge mit dem Verbot russischer Embleme werden diskutiert. Das Letztere hatte Staatschef Wladimir Putin bereits als "Erniedrigung des Landes" bezeichnet, NOK-Präsident Alexander Schukow schloss eine Teilnahme Russlands unter diesen Bedingungen bereits aus.

Die enorme Anspannung im Vorfeld der Entscheidung ist quasi greifbar. Nichts soll nach außen dringen. Die 14 Mitglieder der Exekutive werden hermetisch abgeschirmt. Am Tag der Entscheidung tagen sie im Palace Hotel der olympischen Hauptstadt Lausanne, während Hunderte Medienvertreter an einem anderen Ort, im Palais de Beaulieu, einquartiert werden. Am Abend, gegen 19.30 Uhr, wird Bach zur Verkündung im Beaulieu erwartet.

Zuvor werden sich die Exekutivmitglieder die Ergebnisse der IOC-Kommission von Samuel Schmid anhören. Der frühere Schweizer Bundesrat hat ermittelt, inwieweit russische Behörden und Geheimdienste am Dopingsystem während Olympia 2014 in Sotschi beteiligt waren.

Kommt er zu dem Ergebnis, dass es so war wie es auch Wada-Chefermittler Richard McLaren und Kronzeuge Grigorij Rodtschenkow behauptet hatten, ist ein Komplett-Ausschluss Russlands zum Greifen nah. Systematischer Doping-Betrug eines Olympia-Gastgebers unter staatlicher Aufsicht: Einen größeren Angriff auf die olympische Bewegung hat es noch nie gegeben.

In der Zeit von 2011 bis 2015 sollen laut McLaren rund 1000 russische Athleten von dem System profitiert haben. "In der Finanzwelt würden die Verantwortlichen Haftstrafen bekommen", sagte McLaren am Wochenende Spiegel Online.

Welchen Einfluss die überraschend harten Urteile der Oswald-Kommission haben, die bereits 25 russische Athleten lebenslang für Olympia sperrte, ist fraglich. Das Schweizer IOC-Mitglied hatte die Proben der russischen Sotschi-Athleten untersucht. Er folgte in seiner Urteilsbegründung McLaren und stufte Whistleblower Rodtschenkow als "glaubwürdig" ein.

Doch wer Bach kennt, sollte vorschnelle Schlüsse unterlassen. "Die lebenslangen Olympiastrafen für einige russische Athleten sind ja nicht ohne", sagte Dagmar Freitag, bisherige Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag und äußerte eine Vermutung: "Vielleicht sollen sie auch nur Kompensation dafür sein, dass man am Ende auf den Gesamtausschluss Russlands verzichtet."

Der Verzicht auf den Gesamtausschluss als Konzessionsentscheidung? Ein Gedanke, der sich für den Rechtsexperten Michael Lehner verbietet. "Wenn der Athlet lebenslang gesperrt wird, dann muss die Schuld des Systems mindestens genauso groß sein", erklärte der Heidelberger Wissenschaftler und forderte den Kollektiv-Bann - den ersten seiner Art in der olympischen Historie.

(sid)

 
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