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Paralympics: Sehbehinderter bewegt Kanada

VON STEFANIE SANDMEIER - zuletzt aktualisiert: 20.03.2010 - 12:49

Vancouver (RP). Brian McKeever wollte bei Olympischen und Paralympischen Spielen starten. Im letzten Moment strich ihn der Trainer im Februar aber. Viele Fans im Gastgeberland sind immer noch erbost.

Brian McKeever (r.) mit seinem Bruder und Begleitläufer Robin McKeever.  Foto: GETTY IMAGES NORTH AMERICA, AFP
Brian McKeever (r.) mit seinem Bruder und Begleitläufer Robin McKeever. Foto: GETTY IMAGES NORTH AMERICA, AFP

Ein Held wollte er nie sein. Ganz bestimmt nicht. Auch kein Paradebeispiel für einen Vorzeige-Athleten mit Behinderung. Obwohl dieser Brian McKeever doch außergewöhnliche Dinge leisten kann – und er wie gemacht scheint für die Einträge in sportliche Geschichtsbücher. Jetzt aber ist es der blinde Kanadier doch geworden. Sein Land feiert ihn wegen seiner zwei Goldmedaillen bei diesen Paralympics. Aber auch, weil viele seiner Landsleute noch immer glauben, man habe ihm seinen Traum geklaut.

Das Erwähnen seines Namens reicht, damit sich seine Bewunderer noch immer in Rage reden. "So geht man nicht mit einem Menschen um", polterte eine Dame, dekoriert mit Kanadas Nationalfarben, die aber vielen Besuchern dieser Spiele aus dem Herzen spricht. Die Geschichte des Brian McKeever wirkt nachhaltig. Mit seinen zwei Siegen in Whistler konnte er zwar die Seelen vieler Anhänger heilen, nicht aber seine eigene.

"Wir werden nie vergessen, was passiert ist", sagte sein älterer Bruder und Begleitläufer Robin McKeever. Er wollte der erste Wintersportler sein, der bei olympischen und paralympischen Spielen startet. Am Schlusstag der Olympischen Spiele hatte der sehbehinderte Brian über die 50-Kilometer-Distanz laufen wollen – bis ihm Kanadas norwegischer Nationalcoach Inge Bråten mitteilte, er könne keinen Startplatz bekommen. Vier Läufer seien stärker als er. "Es hat so wehgetan wie der Tag, als man mir sagte, dass ich meine Sehkraft verlieren werde", sagte McKeever kurz vor seinem paralympischen Start. Und wann immer er in diesen Tagen danach befragt wurde, hatte er Tränen in den Augen.

Info

Kommentar von Martin Beils

Es ist schon erstaunlich, dass sich halb Kanada immer noch darüber aufregt, dass der sehbehinderte Brian McKeever nicht bei den Olympischen Spielen starten durfte. Denn gerade seine Nicht-Nominierung war ein Lehrstück für Gleichberechtigung und volle Integration von Behinderten. Trainer Inge Bråten traf im Februar eine blitzsaubere sportliche Entscheidung, als er nur vier seiner fünf Athleten starten lassen durfte. Er entschied sich gegen McKeever. Dabei berücksichtigte er nicht dessen Schicksal, sondern ganz allein dessen Erfolgsaussichten im Langlauf über 50 Kilometer. Die bewertete er geringer als die der Teamkollegen. Mit seiner mutigen Entscheidung gegen die Mehrheitsmeinung in Kanada hat Bråten den Behindertensportlern einen besseren Dienst erwiesen als mit einer Nominerung aus Gefälligkeit, Mitleid oder Gründen der Publicity.

Im Alter von 19 Jahren wurde bei ihm Morbus Stargardt festgestellt, eine seltene Netzhauterkrankung, die er von seinem Vater vererbt bekam. Als McKeever 19 Jahre alt war und gerade an seiner ersten Junioren-WM teilgenommen hatte, brach die Krankheit aus. Schon mit 20 saß der Student in den Hörsälen bereits ganz vorne, um überhaupt etwas an der Tafel erkennen zu können. Mit 21 galt er offiziell als blind, nur ein peripheres Sehen ist jetzt noch möglich. Er besitzt eine Sehkraft von weniger als zehn Prozent.

Doch das Skifahren wollte er nicht aufgeben. Langlaufen war immer sein Traum. Deshalb lief er trotz seiner Krankheit weiter. Mal bei den behinderten Sportlern, mal tauchte er bei der seinen nicht-behinderten nordischen Kollegen auf. Für solche Starts lernt McKeever dann die Strecke auswendig. Sein Bruder, der 1998 selbst zum Team bei den Spielen in Nagano gehörte, wird dabei zu seinem sehenden Helfer.

Kurz vor dem Jahreswechsel schaffte der Kanadier bei den Ausscheidungskämpfen in der Nähe seines Wohnortes Canmore die Qualifikation für das Olympiateam. Über die 50 Kilometer wollte er sich beweisen, was ein behinderter Mensch leisten kann. Doch man hat ihn nicht gelassen. Stattdessen feierte er bei den Paralympics seine insgesamt fünfte und sechste Goldmedaille. "Es war das, was wir wirklich gewinnen wollten", sagte er. Je zwei brachte er bereits aus Salt Lake 2002 und 2006 in Turin mit nach Hause. Und eine ähnliche Anzahl wollte er in allen fünf Wettbewerben in Whistler im Langlauf sowie im Biathlon auch holen.

Doch Biathlon hat er ausgelassen. Er soll gesagt haben, dass er nicht so schießen könne. Wer mag es ihm verdenken, wenn man den 30-Jährigen laufen sieht. Zu Hunderten waren sie am Mittwoch herauf gestapft in den Paralympic Park, nur um McKeever laufen zu sehen. Er hat sie nicht enttäuscht.

Quelle: RP

 
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