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Start der Olympischen Spiele
Sotschi – der olympische Albtraum

Polizisten schützen Olympia-Teilnehmer
Polizisten schützen Olympia-Teilnehmer FOTO: afp, FABRICE COFFRINI
Sotschi. So schnell lässt sich Wolf-Dieter Poschmann nicht aus der Ruhe bringen. "Ich fahre jetzt zum 13. Mal zu Olympischen Spielen. Und ich kann Ihnen sagen: Vor den Spielen gab es jedes Mal Diskussionen", versichert der 62-jährige ZDF-Reporter. Von Martin Beils

Er lässt mitklingen: Wenn die Wettkämpfe erst laufen, spricht niemand mehr über irgendwelche Probleme. So war das immer. Poschmann moderiert am Freitag die Eröffnung der Olympischen Winterspiele. Noch nie herrschte bei Athleten und Zuschauern vor den Spielen so viel Unbehagen wie vor Sotschi. Nicht alle gehen so gelassen an die Sache wie der Berufsoptimist Poschmann.

Gigantismus, Umweltzerstörung, Korruption, Ausbeutung von Bauarbeitern, Zwangsumsiedlungen, Homophobie, Terror, Absagen hochrangiger Politiker – diese Themen drängen das Geschehen auf Pisten und Eislaufflächen an den Rand der Aufmerksamkeit. Vorfreude will sich nicht einstellen. Die ersten Winterspiele in Russland sprechen der Olympischen Charta Hohn. "Ziel des Olympismus ist es, den Sport in den Dienst der harmonischen Entwicklung des Menschen zu stellen, um eine friedliche Gesellschaft zu fördern, die der Wahrung der Menschenwürde verpflichtet ist", heißt es im Grundgesetz, das auf den Prinzipien des französischen Barons Pierre de Coubertin fußt.

Jahrelang haben sich Sportler auf diese 17 olympischen Wettkampftage vorbereitet. Aus ihrem Fest droht nun ein Fiasko zu werden. Doch wie konnte es so weit kommen? Vor sieben Jahren erhielten die Russen vom Internationalen Olympischen Komitee den Zuschlag. Präsident Wladimir Putin hatte das Areal für die Spiele im Nordkaukasus höchstselbst ausgesucht. Er war am Tag der Entscheidung ins mittelamerikanische Guatemala gereist, um Wackelkandidaten von seinem Projekt zu überzeugen. "Millionen Russen eint der olympische Traum", sagte der Herrscher aus dem Kreml damals. Längst ist ein olympischer Albtraum daraus geworden.

Homosexuelle senden Zeichen nach Sotschi FOTO: afp, pc/ACW

Erstmals werden nun Winterspiele in den Subtropen ausgetragen. Oppositionspolitiker Boris Nemzow spottet: "Es ist schwierig, einen Ort in Russland zu finden, an dem es nie schneit. Putin hat es geschafft. Und dort macht er Winterspiele."

Nie war Olympia teurer, weder im Winter noch im Sommer. Zwischen 37,5 und 54 Milliarden US-Dollar liegen die Schätzungen über die Gesamtkosten. London 2012 kam mit neun Milliarden aus. Die Durchführung selbst kostet in Sotschi wie in London lediglich zwei Milliarden Dollar, den Rest verschlingt die Infrastruktur. Das Skigebiet Krasnaja Poljana ist komplett neu entstanden – ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. 77 Brücken und zwölf Tunnel wurden für die 40 Kilometer lange Straßenverbindung nach Sotschi gebaut. Geld spielt für diese Spiele keine Rolle. Allein für das "Snow farming" - die Lagerung von Schnee aus dem Vorjahr über den Sommer - bezahlten die Olympia-Organisatoren 17 Millionen Euro, sagt Ralf Roth von der Sporthochschule Köln. Ausdruck des Gigantismus war schon der Fackellauf, bei dem Kosmonauten das Feuer ins All transportierten.

Die geografische Lage Sotschis ist prekär. Die von Spannungen und kriegerischen Auseinandersetzungen gepeinigten ehemalige kaukasischen Sowjetrepubliken liegen gleich um die Ecke. Die Terroranschläge im knapp 1000 Kilometer entfernten Wolgograd und Drohungen von Islamisten haben die Anspannung steigen lassen. Die australischen Athleten dürfen das gesicherte Gelände nicht verlassen, den US-Amerikanern ist es aus Sicherheitsgründen verboten, ihre mit "Stars and Stripes" dekorierte Teamkleidung beim Ausgehen zu tragen. Die USA haben zwei Kriegsschiffe ins Schwarze Meer verlegt. Wegen Olympia, des großen Friedensfests!

Natalie Geisenberger, Goldfavoritin im Rennrodeln, sagt: "Im ersten Moment ist es für einen Sportler nicht schön zu wissen, dass man dahin muss." Das deutsche Auswärtige Amt rät Reisenden, Demonstrationen und größere Menschenansammlungen zu meiden. Ein unbeschwertes Fest wie vor vier Jahren, als die Fans auf den Straßen von Vancouver tanzten, wird Sotschi nicht erleben.

Wie bei allen Großereignissen der jüngeren Vergangenheit besteht die Gefahr, dass "weiße Elefanten" zurückbleiben. So werden kaum noch genutzte Sportstätten genannt – wie die von Athen 2004 oder Peking 2008. Sotschi droht ein ähnliches Schicksal. Gerade Winterspiele hinterlassen Ruinen. Die Bob- und Rodelbahn von Turin 2006 haben die Italiener gerade aufgegeben, weil der Unterhalt zu teuer ist.

Aus Olympia wird schnell Schnee von gestern.

(spol)

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