| 06.47 Uhr

Olympia-Kolumne
Wie ich einmal beinahe "Eddie the Eagle" getroffen habe

Olympia-Kolumne: Wie ich einmal beinahe "Eddie the Eagle" getroffen habe
"Eddie the Eagle". Michael Edwards. FOTO: dpa
Unser Autor hatte in Calgary ein eigenes Büro im Deutschen Haus. Das erhöhte die Chance auf schnelle Interviews. Von Dieter Koditek

Das deutsche Haus bei Olympischen Spielen ist eine sehr nützliche Einrichtung. Hier treffen sich regelmäßig all jene, die ohnehin auf einander angewiesen sind - Athleten, Funktionäre und Medienschaffende. Vor der deutschen Wiedervereinigung tauchten vereinzelt auch Journalisten aus der DDR dort auf, obwohl das mit Risiken verbunden war, weil sie damit rechnen mussten, bei ihrer Teamleitung denunziert zu werden. Die Annäherung an den Klassenfeind wurde bei den Funktionären aus dem Osten Deutschlands nicht gern gesehen.

Dank guter Beziehungen hatte ich im deutschen Haus 1988 im kanadischen Calgary sogar ein eigenes Büro, so dass ich immer schon zugegen war, wenn die ersten Olympiakämpfer mit ihren Medaillen und Geschichten im Gepäck von ihren Wettkämpfen eintrafen und sich den Fragen der Reporter stellten. Das war ein unschätzbarer Vorteil, denn wenn die Sportler im Olympischen Dorf verschwanden, waren kaum noch Kontakte möglich.

Abends an der Bar traf man dort auch prominente Menschen wie den ehemaligen Eishockey-Nationalspieler Alois Schloder oder den Tennisprofi Michael Westphal, die sich angefreundet hatten und ein unzertrennliches Paar bildeten. Die beiden erwiesen sich als begnadete Biertrinker.

Der Standort des deutschen Hauses hatte den Vorteil, dass man von dort mit wenigen Schritten die Sprungschanze erreichen konnte. Das traf sich gut, weil ich den Auftritt des englischen Exoten Michael Edwards, eines Maurers, den alle Welt nur spöttisch "Eddie the Eagle" nannte, hautnah erleben wollte. Der Mann nahm als erster britischer Skispringer an Olympischen Spielen teil. Er war extrem kurzsichtig und trug auch bei seinen skurrilen Hüpfern über den Bakken eine Brille mit Gläsern, die Glasbausteinen glichen. Für ihn waren bei jedem Springen von vornherein die letzten Plätze reserviert, was seiner Leidenschaft für diesen Sport keinen Abbruch tat. Der gute Eddie war eine der Attraktionen dieser Spiele.

Leider verhinderte dann ein Missgeschick mit unliebsamen Folgen, dass ich das Unikum von der Insel bei seinen untauglichen Versuchen beobachten konnte. In dem Gedränge rund um die Schanze geriet ich mit meiner Presse-Akkreditierung irrtümlich in den VIP-Bereich. Als ich mich bei einer Kontrolle nicht als "sehr wichtige Person" ausweisen konnte, tauchten wie aus dem Nichts zwei zupackende Sicherheitskräfte auf, griffen wie Schraubstöcke meine Arme und schleppten mich in einen nahen Container, wo ich verhört wurde. Erst nach intensiven Telefonaten mit dem IOC und dem Organisationskomitee war geklärt, dass ich wirklich nur ein harmloser Berichterstatter war, und ich wurde wieder an die frische Luft entlassen. Da war "Eddie the Eagle" aber bereits zweimal unfallfrei gelandet - und natürlich wieder einmal Letzter geworden.

In Albertville 1992 waren vier Jahre später die Spiele mit den besonders weiten Wegen. Wie sich das auswirkte, erfuhr ein Münchner Kollege, dem das Organisationskomitee ein Schlafquartier in Aix-les-Bains westlich von der Olympiastadt zugewiesen hatte. Eines Morgens machte er sich zur frühest möglichen Stunde auf den Weg nach Val d'Isere im Osten von Albertville, wo die alpinen Rennen stattfanden. Als er sein Ziel endlich erreichte, kamen ihm bereits die Zuschauer entgegen, weil alle Läufer längst im Ziel waren.

Unser Autor berichtete für die Rheinische Post von sechs Olympischen Winterspielen.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Olympia-Kolumne: Wie ich einmal beinahe "Eddie the Eagle" getroffen habe


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.