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Spanischer Dopingskandal
"Operacion Puerto": Blutproben müssen herausgegeben werden

Dopingarzt Fuentes: Chronologie der "Operacion Puerto"
Dopingarzt Fuentes: Chronologie der "Operacion Puerto" FOTO: EFE, AP
Einer der größten Dopingskandale der Sportgeschichte wird womöglich doch noch aufgeklärt. Nach einer spektakuläre Wende in der "Operacion Puerto" müssen die Kunden des Dopingarztes Eufemiano Fuentes wieder die Aufdeckung ihrer Fälle fürchten.

Am Dienstag entschied ein Madrider Berufungsgericht, dass die in Barcelona eingelagerten Blutbeutel herausgegeben werden müssen. Damit steht der Weltsport, der durch Russland, Kenia und Co. derzeit ohnehin in Aufruhr ist, urplötzlich wieder vor einem weiteren Skandal ungeahnten Ausmaßes. Vor allem aber in Spanien dürfte das große Zittern beginnen.

Die 211 Proben dürfen laut Richter Alejandro Maria Benito nicht vernichtet werden, sie müssen vielmehr unter anderem dem spanischen Radverband, dem Radsportweltverband UCI, der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sowie dem Nationalen Olympischen Komitee Italiens (CONI) ausgehändigt werden. "Das erklärte Ziel ist, Doping zu bekämpfen", hieß es in der Urteilsbegründung, sonst gebe es "ein Risiko, dass andere Athleten vom Doping verführt werden könnten."

Die heiße Ware stammt von Spitzenathleten und wurde im Jahr 2006 beim spanischen Frauenarzt Fuentes sichergestellt. Fuentes soll eine Vielzahl von Top-Athleten mit leistungssteigernden Substanzen versorgt haben und wurde damals im Zuge von mehreren Razzien festgenommen.

"Das ist ein guter Tag für den Anti-Doping-Kampf", sagte NADA-Vorstand Lars Mortsiefer dem SID. Er ist zuversichtlich, dass nun trotz verbleibender juristischer Zweifel über die Verjährungsfristen eine Lawine ins Rolle kommt: "Wir interpretieren die Regel zur Zehn-Jahres-Verjährungsfrist im Welt-Anti-Doping-Code so, dass sie auch auf ältere Fälle angewendet werden kann. Insofern sind wir gespannt auf die Analysen der Blutbeutel durch die WADA."

Die WADA hatte im neuen Anti-Doping-Code 2015 auch mit Blick auf die "Operacion Puerto" die Verjährungsfrist von acht auf zehn Jahre verlängert. Umstritten ist, ob auf Fälle, die vor dem 1. Januar 2015 aktenkundig wurden, noch die Acht-Jahres-Regel anzuwenden ist.

So oder so ist die Entscheidung vor allem eine Genugtuung für alle, die um die Herausgabe gekämpft hatten. Denn die 2013 durch ein Gericht angeordnete Vernichtung hatte einen Sturm der Entrüstung nach sich gezogen, unter anderem hatten WADA und UCI Einspruch eingelegt.

Bis heute lagern die Beutel in einem Forschungspark in Barcelona in einem Kühlschrank des dortigen Anti-Doping-Labors. Darin schlummert, wie viele Experten annehmen, einer der größten Dopingeklats der Sportgeschichte. Vor allem auf den Aufschwung im spanischen Hochleistungssport, so vermuten Experten, könnte ein ganz anderes Licht fallen.

Die Fuentes-Affäre betraf zunächst nahezu ausschließlich den Radsport. Die Klarnamen von über 50 verdächtigen Profis - darunter auch der einzige deutsche Tour-Sieger Jan Ullrich - wurden einen Tag vor dem Start der Tour de France 2006 öffentlich. Doch auch Athleten aus anderen Sportarten, wie Fußball, Leichathletik oder Tennis, tauchen angeblich in Fuentes' Kundendatei auf.

Ullrich erklärte im Zuge der Anschuldigungen am 26. Februar 2007 seinen Rücktritt. Wenige Monate danach bestätigte sein langjähriger Betreuer Rudy Pevenage Kontakt zu Fuentes. Erst im Februar 2012 räumte Ullrich erstmals selbst Kontakt zu Fuentes ein. Zuvor war er vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) wegen seiner Verwicklung in die Affäre gesperrt worden.

Fuentes deutete schon kurz nach seiner Verhaftung im Mai 2006 an, dass sich die Affäre weit über den Radsport hinaus erstrecke. Im Prozess Anfang des Jahres 2013 hatte Fuentes bei einer Vernehmung davon gesprochen, auch Fußballer, Tennisspieler, Leichtathleten und Boxer behandelt zu haben und bot sogar die Herausgabe seiner Kundenliste an.

Richterin Julia Patricia Santamaria wollte davon aber nichts wissen. Sie verurteilte Fuentes am 30. April 2013 zu einem Jahr Haft auf Bewährung sowie zu vier Jahren Berufsverbot und 4500 Euro Geldstrafe. Auch diese Entscheidung wurde widerrufen und Fuentes am Dienstag freigesprochen. Das Blut, das er damals für Transfusionen benutzt habe, sei keine Medizin und der Fall damit nicht durch das betreffende Gesetz gedeckt.

Die weitgehende Zerstörung der Blutbeutel hatte Richterin Santamaria damals mit dem Schutz der Persönlichkeitsrechte der Sportler begründet. Der Fall sei mehr als ein Witz, schimpfte danach etwa der britische Tennis-Profi Andy Murray und vermutete Vertuschung. Auch WADA-Gründungspräsident Dick Pound hatte scharfe Kritik geübt. Es sei beschämend für Spanien, jeder wisse, "dass wir in der Lage sind, etwas mehr Doping aufzudecken, wenn die Proben herausgegeben werden."

Weil Richter Alejandro Maria Benito den Fall am Dienstag ganz anders sah, erhält die WADA nun die Gelegenheit dazu.

(sid)
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