Politisches Pingpong geht weiter: Peking hoher Olympia-Favorit für 2008
zuletzt aktualisiert: 10.07.2001 - 15:14Moskau (rpo). Am Freitag wird der Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2008 benannt. Der hohe Favorit auf den Zuschlag ist Peking. Dafür sind Inneminister Otto Schily, Leichtatletik-Star Cathy Freeman, Tennis-Ass Michael Chang und die Regierung Taiwans. Dagegen sind das Europa-Parlament diverse Menschenrechtsorganisationen, ein Ausschuss des US-Kongresses und das englische IOC-Mitglied Prinzessin Anne.
Pekings Kandidatur für die Olympischen Spiele 2008 spaltet wie zuletzt das Votum des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für das sowjetische Moskau als Austragungsort von Olympia 1980. Dennoch wird die 112. Vollversammlung am Freitag in der russischen Metropole die Spiele 2008 wohl an Peking vergeben. Ein führendes IOC-Mitglied hält sogar für möglich, dass Chinas Staatsbewerbung bereits in der ersten Wahlrunde die absolute Mehrheit der rund 105 Stimmen bekommt. Das wäre dann auch das Ergebnis einer bemerkenswerten Pingpong- Diplomatie zwischen dem IOC und Peking.
Wie den Mitkonkurrenten Paris und Toronto wurde Chinas Hauptstadt durch die IOC-Prüfungskommission die Note "exzellent" ausgestellt. Diese Beurteilung erscheint vielen rätselhaft, denn Pekings Realität als eine der schmutzigsten Kapitalen des Globus steht in krassem Gegensatz zum chinesischen Luftschloss einer "Gartenstadt Peking, die bald in farbenprächtige Blüten getaucht sein wird". Zudem garantieren die gefürchteten schwülheißen Sommer den Athleten höchst problematische Bedingungen. Doch all dies wird nicht ausschlaggebend sein. Die Wahl am Freitag ist eine politische Wahl, wie IOC- Vizepräsident Thomas Bach aus Tauberbischofsheim sagt: "Von ihr geht ein politisches Signal aus. Sie hat hohe politische Bedeutung."
Zu entscheiden ist von der IOC-Session die Frage: Sollen die Olympier Peking die Spiele wegen der andauernden Verletzungen von Menschenrechten erneut verweigern, oder sollte das Begehren des kommunistischen China erfüllt werden in der Erwartung, das Milliarden-Reich werde sich mehr öffnen müssen und Demokratisierungsbestrebungen würden gestärkt? Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, die den Machthabern in Peking allein seit April 1781 Todesurteile vorrechnen, haben für den Freitag vor dem Kongresszentrum im Moskauer World Trade Center eine Demonstration beantragt. Exil-Tibeter haben am Mittwoch zu einer Pressekonferenz geladen, am Freitag wollen sie dem IOC zehntausende gesammelter Protest-Unterschriften überreichen.
Fehler kostete Peking die Spiele 2000
Doch ausgerechnet der Dalai Lama, vertriebenes geistliches und weltliches Oberhaupt des von China besetzten Tibet, hat unter seinen Anhängern für Verwirrung gesorgt: Trotz eines "Rekords an Menschenrechtsverletzungen" solle Peking die Spiele bekommen, es liege nicht im Interesse Tibets, wenn China isoliert werde, hat er vor drei Monaten gesagt. So ähnlich argumentiert auch Taiwans Regierung, dessen IOC-Mitglied Ching Kuo Wu sagt: "Sollte Peking die Spiele bekommen, sind wir mindestens sieben weitere Jahre vor Angriffen vom Festland sicher."
Vor acht Jahren, als Peking in Monte Carlo mit zwei Stimmen gegen Sydney im Duell um die Spiele 2000 unterlag, war ein stellvertretender Ministerpräsident Chinas einen Tag vor der Wahl mit besitzergreifendem Anspruch auf Taiwan aufgetreten. Dieser Fehler hatte die entscheidenden Voten gekostet. Diesmal bleibt politische Prominenz zu Hause. Pekings Bewerbungskomitee wird am Freitag bei der 45-minütigen Präsentation vor der Vollversammlung von Bürgermeister Liu Qi angeführt, und dessen Sekretär Wang Wei will glauben machen, "das IOC hat über Sport zu entscheiden und nicht über Politik". Das behaupten auch Franzosen und Kanadier - und schicken mit Lionel Jospin und Jean Chrestin ihre Premierminister für Paris und Toronto ins Rennen.
Dafür kommt Chinas Staats- und Parteichef Jiang Zemin am 15. Juli zum Staatsbesuch nach Moskau. Sicher nicht, um zwei Tage nach der Wahl beim Gespräch mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin eine Niederlage beklagen zu müssen. Bloß keinen Fehler machen, nicht anecken. So hatte Chenliang He, Chinas Spitzenmann im IOC, in der olympischen Führung erkundet, ob noch vor der Wahl ein Angebot an Taiwan zur gemeinsamen Ausrichtung ratsam sei. Die Antwort hieß nein. Auch später werde man eine solche Offerte akzeptieren, falls Taiwan zustimme. Vorher könnte sie als aggressiver Akt aufgefasst werden. Als einzige Weltorganisation führt das IOC mit dem NOK von China und dem NOK China/Taipeh gleichberechtigte chinesische Mitglieder.
Auch der Wink aus der IOC-Zentrale in Lausanne, Peking möge von seinem ursprünglichen Plan Abstand nehmen, Beach-Volleyball auf dem Platz des Himmlischen Friedens veranstalten zu wollen, gehörte zum Doppelpassspiel zwischen China und der IOC-Spitze. Dort war 1989 der Studentenaufstand blutig niedergeschlagen worden. Im Schlusszeugnis der IOC-Prüfungskommission steht, wie vom scheidenden Präsidenten Juan Antonio Samaranch selbst hineingeschrieben, der Satz: "Olympische Spiele in Peking würden China und dem Sport ein einzigartiges Vermächtnis hinterlassen."
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