Tennis: Selbstkritik der zweiten Garde: Pilic sieht Nachwuchs-Probleme
zuletzt aktualisiert: 03.05.2001 - 14:18München (rpo). Der ehemalige Daviscup-Kapitän Niki Pilic hat die Nachwuchsarbeit des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) kritisiert. "Zu meiner Zeit als Daviscup-Kapitän hatten wir eindeutige Strukturen mit den einzelnen Kadern. Ich weiß nicht, ob das noch so ist", sagte Pilic. "Da scheint jetzt einiges anders."
Pilic prophezeite daher dem Team, mit dem er drei Mal den Cup gewann, mittelfristig ein schweres Erbe: "Ich sehe im Moment niemanden, von dem ich sagen kann, der wird Weltklasse sein", meinte der Kroate mit Blick auf die 17 bis 20-Jährigen.
Während Haas (Hamburg) und Kiefer (Holzminden) die Trainer wechseln wie andere die nassen Hemden, geben weder der Nachwuchs noch die "Schattengewächse" um Rainer Schüttler (Bad Homburg) Anlass zur Hoffnung. Jungprofi Björn Phau habe zwar die Anlagen zu "einem ordentlichen Spieler und auch den Ehrgeiz" (Pilic), doch der ehemalige Becker-Schützling strich in München mit 7:5, 1:6, 1:6 bereits in der ersten Runde die Segel - gegen den Qualifikanten Flavio Saretta (Brasilien). Auch Daniel Elsner (Mannheim), mehrfacher Grand-Slam-Sieger bei den Junioren, wartet mit 22 Jahren noch auf den Durchbruch. Christian Vinck (Halle) oder Jens Knippschild (Oberhausen), beide mitte 20, werden das Daviscup-Team wohl nicht mehr wirklich verstärken.
Elsner und Tomas Behrend (Hagen), der in München wenigstens in der zweiten Runde stand, gewährten zuletzt immerhin ungewohnte Einblicke über die Gründe der Misere. "Die deutschen Spieler sind manchmal nicht so motiviert, da schließe ich mich nicht aus", sagte der Deutsch-Brasilianer Behrend. Am Talent mangele es den wenigsten. Doch vor allem die gut dotierte Bundesliga lässt die "Jung-Stars" bereits satt zu den großen Fleischtöpfen bei den Grand Slams reisen. "Ich war in der Vergangenheit vielleicht manchmal zu schnell zufrieden", fügte Elsner, immerhin Halbfinalist von Stuttgart im Vorjahr, selbstkritisch an. Zu oft genoss er das süße Leben am Rande der Plätze, statt Schweiß auf dem Rechteck zu vergießen.
Dabei dürften die besten deutschen Nachwuchsathleten überhaupt nicht in der größtenteils von Ausländern bevölkerten deutschen Eliteliga aufschlagen. "Die Bundesliga ist nichts für einen jungen Mann, der nach oben will", glaubt Pilic: "Der muss dorthin, wo der Wettkampf ist. Also in die Qualifikationen bei den großen Turnieren."
Doch Bundesliga hin oder her, "ein guter Spieler ist immer motiviert", weiß der ehemalige Weltklasse-Spieler und jetzige Daviscup-Coach für Kroatien. Seiner alten Mannschaft gab er noch mit auf den Weg, "eine gute Atmosphäre herzustellen, dann kann man viel erreichen, auch mal mehr als 100 Prozent". Doch weiß der leidgeplagte Teamchef, der über Jahre meist erfolglos den Versuch unternahm, Michael Stich und Boris Becker zum gemeinsamen Tun zu animieren, dass dies im deutschen Tennissport wohl am schwersten ist: "Ich hatte zuletzt das Gefühl, dass das nicht immer so der Fall ist."
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