"Betonierte" Reihenfolge beim Eistanz: Preisrichter wieder in der Kritik
zuletzt aktualisiert: 19.03.2002 - 14:53Nagano (rpo). Bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Nagano haben erneut die Entscheidungen der Wertungsrichter reichlich Diskussionsstoff geliefert. Diesmal gehört das deutsche Eistanz-Paar Kati Winkler/René Lohse zu den Benachteiligten.
Nur einen Monat nach dem Skandal von Salt Lake City sind es erneut die konservativen Jury-Mitglieder, die im Blickpunkt stehen. Ihre Wertungsreihenfolge im Eistanz scheint wie "einzementiert". Besonders enttäuscht waren die Berliner Kati Winkler/René Lohse über ihren siebten Platz. "Wir sind besser in Form als bei Olympia, aber das honoriert man nicht", meinte der frustrierte Lohse: "Anscheinend geht es in die andere Richtung."
Zusätzlich sorgte ein Beitrag des ZDF-Magazins "Frontal 21" für Wirbel. Darin bestätigen Preisrichter irreguläre Absprachen.
Die Olympia-Achten Winkler/Lohse hatten wegen der fehlenden Olympiasieger Marina Anissina/Gwendal Peizerat (Frankreich) und der Titelverteidiger Barbara Fusar-Poli/Maurizio Margaglio mindestens auf Platz sechs spekuliert. "Wir wollen weiter nach oben, aber im Eistanzen braucht man etwas Glück und einen starken Verband im Hintergrund", deutete Kati Winkler an, worüber seit Jahren hinter den Kulissen gemunkelt wird. Wegen der fehlenden Erfolge hat die Deutsche Eislauf-Union (DEU) derzeit kaum Einfluss im internationalen Verband.
Schon in den Pflichttänzen am Dienstag zeigten sich die Preisrichter wenig flexibel, obwohl einige gravierende Fehler sogar für Laien offensichtlich waren. So hätten die Franzosen Isabelle Delobel/Olivier Schoenfelder nach zwei Stürzen ganz weit hinten landen müssen. Stattdessen wurden sie Zwölfte. "Das ist einfach nicht richtig", sagte Martin Skotnicky, Trainer von Winkler/Lohse. Er kritisiert offen, dass seit Jahren nicht nach Leistung beurteilt wird. Zu Recht auf Rang eins liegen die Russen Irina Lobatschewa/Ilja Awerbuch. Auf Platz 18 rangieren die Essener Geschwister Stephanie und Thomas Rauer.
"Ich versuche immer ehrlich zu sein, denn die Sportler haben ein Recht auf eine faire Beurteilung", sagte die Eistanz-Preisrichterin Monika Zeitler (Goslar). Von Kungeleien unter den Juroren weiß die Lehrerin nichts. Ganz anders äußern sich ihre Kollegen in dem TV- Beitrag vom Dienstag: Eine Befragung von 24 Juroren habe ergeben, dass innerhalb der "Eis-Mafia" Absprachen und Erpressung gängig seien, hieß es.
Skeptisch wird in Eiskunstlauf-Kreisen auch die Einführung des bei Olympia angekündigten neuen Wertungssystems gesehen. Viele Verbände, die im Juni beim Kongress der Internationalen Eislauf-Union (ISU) über den Vorschlag von Präsident Ottavio Cinquanta abstimmen müssen, wollen die Höchstnote 6,0 beibehalten.
Überragender Jagudin
Die erhielt Olympiasieger Alexej Jagudin in seinem Kurzprogramm von Nagano gleich sechs Mal. Der Ausnahme-Läufer ist auf dem besten Weg zum vierten Titel. "Ich will ihn mir unbedingt zurückholen, auch wenn ich nach Olympia sehr müde bin", sagte der Russe. Ohne den großen Rivalen und Landsmann Ewgeni Pluschenko braucht er die Konkurrenz nicht zu fürchten. Denn weder Alexander Abt (Russland) noch Timothy Goebel (USA) können ihm das Wasser reichen.
Steigern im Vergleich zur misslungenen Qualifikationskür konnte sich der Wahl-Münchner Andrejs Vlascenko. Der vierfache deutsche Meister kam gut durch seine ansprechende Kurzkür, lediglich der Kombination aus Dreifach-Axel/Doppel-Toeloop fehlte eine geplante Umdrehung. "Ich wollte zeigen, dass man mich noch nicht abschreiben kann", sagte der gebürtige Russe. Sein großes Ziel, die Top Ten, wird er nur mit einer erstklassigen Kür erreichen können. "Ich bin kein Pessimist, aber das wird schwer", sagte der 27-Jährige.
Stand nach den Pflichttänzen (Golden Waltz und Quickstep):
1. Irina Lobatschewa/Ilja Awerbuch (Russland) 0,4 Punkte 2. Shae-Lynn Bourne/Victor Kraatz (Kanada) 0,8 3. Margarita Drobiazko/Povilas Vanagas (Litauen) 1,2 4. Galit Chait/Sergej Sachnowski (Israel) 1, 6 5. Albena Denkowa/Maxim Stawiski (Bulgarien) 2,0 6. Elena Gruschina/Ruslan Gonscharow (Ukraine) 2,4 7. Kati Winkler/Rene Lohse (Berlin) 2,8 8. Tatjana Nawka/Roman Kostomarow (Russland) 3, 2 9. Naomi Lang/Peter Tschernischew (USA) 3,6 10. Marie-France Dubreuil/Patrice Lauzon (Kanada) 4,2 11. Sylwia Nowak/Sebastian Kolasinski (Polen) 4,4 12. Marika Humphreys/Witali Baranow (Großbritannien) Tanith Belbin/Benjamin Agosto (USA) und Isabelle Delobel/Olivier Schoenfelder (Frankreich) jeweils 5,2 15. Federica Faiella/Massimo Scali (Italien) 6,0 ... 18. Stephanie und Thomas Rauer (Essen) 7,4
Herren, Stand nach dem Kurzprogramm:
1. Alexej Jagudin 1,0 Punkte 2. Alexander Abt (beide Russland) 2,0 3. Timothy Goebel (USA) 2,8 4. Takeshi Honda (Japan) 3,0 5. Michael Weiss (USA) 3,8 6. Chengjang Li (China) 4,8 7. Jeffrey Buttle (Kanada) 5,8 8. Brian Joubert (Frankreich) 6,8 ...12. Andrejs Vlascenko (München) 9,8
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