Eiskunstlauf: Russen sahnen bei der EM ab: Psychologen für deutsche Eisläufer
zuletzt aktualisiert: 13.02.2000Wien (dpa). Im Schatten der übermächtigen Kufenkünstler aus Russland kämpft die Deutsche Eislauf-Union (DEU) um den internationalen Anschluss. Bei den am Samstag zu Ende gegangenen Europameisterschaften in Wien blieben die Deutschen wie bereits im Vorjahr in Prag ohne Medaille, bei der WM in Nizza (27. März bis 2. April) wird sich das kaum ändern. "Außer den Russen ist uns ja keiner um Lichtjahre voraus. Wir vergleichen uns mit den anderen Nationen, und diese EM hat mir gezeigt, dass wir nah dran sind", machte Verbandspräsidentin Angela Siedenberg auf Optimismus. Verstärkte psychologische Betreuung und Zusammenarbeit mit ausländischen Trainern sollen nun die DEU-Läufer wieder auf Kurs bringen.
Sieben von zwölf Medaillen eroberten die Sportler aus Moskau und St. Petersburg. Lediglich im Eistanz gingen sie erstmals seit 1968 leer aus. Dafür standen bei der abschließenden Damenkonkurrenz am Samstag drei Russinnen auf dem Treppchen: Irina Slutskaja holte nach Ewgeni Pluschenko bei den Herren und Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse im Paarlauf den dritten Titel für ihr Land. Die Europameisterin von 1996 und '97 entthronte Butirskaja, die nach ihr zwei Mal Gold gewonnen hatte, und ließ auch Viktoria Woltschkowa hinter sich.
Wie auf Schienen und Sprungfedern glitt Slutskaja bei ihrer "Carmen"-Kür übers Eis. "Ich bin froh, dass ich zurück bin und die Schwierigkeiten des letzten Jahres überwunden habe", sagte die 21-Jährige, die im letzten Winter oft heulend in der Trainingshalle stand. Mit großem Kampfgeist sicherte sich die elegante Butirskaja nach einem verkorksten Kurzprogramm noch Silber. Nach dem Anschlag auf ihren BMW, der während der russischen Meisterschaften von Unbekannten abgefackelt worden war, hatte auch die 27-Jährige psychische Probleme. "Die Täter haben es geschafft, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen", räumte die Weltmeisterin ein. "Aber ich habe es fast überwunden."
Für die 16 Jahre alte Zoya Douchine (München), die einzige DEU-Teilnehmerin, endete das EM-Debüt nach einigen Stürzen auf Rang 18. "Bei Slutskaja kann ich mir viel abschauen, die Höhe der Sprünge und die Technik. Aber die anderen sind auch nicht so viel besser. Wir patzen alle", meinte die gebürtige Moskauerin gelassen.
Für Douchines Trainer Alexander Wedenin, den langjährigen russischen Cheftrainer, fußen die Erfolge seiner Landsleute noch auf dem alten Sowjetsystem mit seiner perfekten Laufschulung und dem enormen Nachwuchspotenzial. Die DEU kann davon nur träumen. Während der 17-jährige Europameister Pluschenko einen Vierfachsprung nach dem anderen aufs Eis zaubert, übt der Erfurter Stefan Lindemann (19) diesen erst im Training. Immerhin wird der EM-Achte mit seiner Trainerin Ilona Schindler im Sommer in die USA fliegen, um mit dem sprunggewaltigen Timothy Goebel und dessen Betreuerin Carol Heiss zu arbeiten. "Wir wollen auch vermehrt ausländische Trainer bei Lehrgangsmaßnahmen einsetzen", erklärte Siedenberg.
Die Eistänzer Kati Winkler/Rene Lohse Berlin), die als Fünfte ihre bisher beste Platzierung erreichten, werden ihre WM-Vorbereitung teilweise bei den Europameistern Marina Anissina/Gwendal Peizerat in Lyon absolvieren. Siedenberg will bei ihren Spitzensportler zudem auf psychologische Betreuung drängen: "Wir müssen das auch in die Köpfe der Trainer hinein bekommen." Denn Problemfälle hat die DEU - abgesehen vom Dauer-Sorgenkind Tanja Szewczenko und der an Bulemie erkrankten Eva-Maria Fitze - genug. Der Wahl-Füssener Andrejs Vlascenko versagte zum EM-Auftakt, auch wenn er sich noch auf den siebten Platz vorkämpfte. Peggy Schwarz, die seit Jahren mit einem Psychologen zusammenarbeitet, vermasselte sich und Mirko Müller (beide Berlin) im Paarlauf wieder einmal eine mögliche Medaille, so dass sich der Weltklasseläufer nach der WM nach einer neuen Partnerin umschauen wird.
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