Doping-Papst Schänzer begrüßt Giro-Razzia: Radsport versinkt im Dopingsumpf
zuletzt aktualisiert: 11.06.2001 - 14:59Rom/Köln (rpo). Einen Tag nach dem Ende des 84. Giro d´Italia zieht der der Doping-Skandal weitere Kreise. Der italienische Rennstall Liquigas-Pata hat seine unter Doping-Verdacht geratenen Rad-Profis Ellis Rastelli, Sergej Gontschar (Ukraine), Denis Zanette, Marco Zanotti und Giani Faresin vorläufig suspendiert. Die B-Probe des bereits überführten Dänen Bo Hamburger ist positiv und der Kölner "Dopingpapst" Wilhelm Schänzer begrüßt die Vorgehensweise der Dopingfahnder während der Italienrundfahrt.
"Jetzt beginnt der Gerichts-Giro", schrieb am Montag "La Stampa". 70 und damit etwa die Hälfte aller Fahrer, die am Freitag noch im Rennen waren, könnten Verfahren drohen. Allerdings bezeichnete Staatsanwalt Luigi Bocciolini diese Zahl am Montag als "Fantasie". Er werde so diskret wie möglich ermitteln, "um das Image der Personen zu schützen". Jan Ullrich plädierte für lebenslange Strafen bei Doping- Vergehen: "Wer erwischt wird, sollte nicht nach einem Jahr zurückkommen, sondern überhaupt nicht mehr zum Radsport gehören."
Telekom-Teamarzt Lothart Heinrich attestierte dem am Freitag nach der Razzia von San Remo suspendierten Dario Frigo, bei dem das vom Hersteller 1998 nach einer Testphase vom Markt genommene synthetische Hämoglobin Hemassist gefunden worden sein soll, "Menschenversuche an sich selber". Deutschlands Top-Sprinter Erik Zabel (Unna) sagte in Bochum gut drei Wochen vor dem Start der Tour de France: "Ich kann nur für mich selber sprechen - ich bin sauber." Jens Heppner (Gera) glaubt nicht an Abschreckung nach dem Skandal-Tour 1998 und dem Giro- Chaos: "Es wird immer den ewigen Kampf zwischen Fahrern und Doping- Kontrolleuren geben."
Für Dienstag hat der Chef des italienischen Olympischen Komitees (CONI), Gianni Petrucci, zu einem "Rad-Krisengipfel" nach Rom eingeladen. Teilnehmen sollen daran Giro-Sieger Gilberto Simoni, der vierfache Etappensieger Mario Cipollini, der Präsident der italienischen Radprofi-Gewerkschaft, Enrico Ingrilli, der Präsident der Teamchef-Vereinigung, Bruno Reverberi, der Sportmediziner Dr. Besnati, Mauro Vegni vom Giro-Organisationskomitee sowie Giro- Renndirektor Carmine Castellano. Frigo soll am Dienstag, spätestens am Mittwoch vor der Anti-Doping-Kommission des CONI erscheinen.
Eine Großrazzia wie in Italien soll es bei der am 7. Juli in Dünkirchen beginnenden 88. Tour nicht geben. Im "Kicker" sagte Daniel Baal, Vize-Präsident des Weltverbandes UCI: "Großrazzien wie in Italien sollen sich nicht wiederholen." Der Franzose, der im kommenden Jahr ins Tour-Präsidium rücken wird, befinde sich dabei angeblich im Einklang mit der Sportministerin Marie-George Buffet, die als Anti-Doping-Hardlinerin bekannt ist und für das polizeiliche Vorgehen bei der Tour ?98 verantwortlich war.
Der Leiter des Kölner Doping-Labors, Wilhelm Schänzer, hat die rigorosen Maßnahmen der italienischen Behörden begrüßt. "Diese Razzia ist für uns Kontrolleure eine tolle Sache. Da sieht man endlich einmal, was jeder einzelner Fahrer so mit sich führt", sagte Schänzer am Montag in Köln. Der Biochemiker ist nach eigenen Aussagen "sehr gespannt, was die Untersuchungen ergeben". Schänzer warnte jedoch vor verfrühten Urteilen: "Es gibt viele Präparate, die legal sind und dennoch beschlagnahmt wurden."
Künftige Negativ-Schlagzeilen über die Telekom-Profis hält Schänzer für nicht vorstellbar. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sauber sind, ist sehr hoch", meinte er, "sie befinden sich seit 1999 im Trainings-Kontrollsystem und werden fünf bis zehn Mal im Jahr ohne Vorankündigung getestet. Es gab noch keinen positiven Befund."
Am Montag suspendierte die Teamleitung von Liquigas ihre Fahrer Ellis Rastelli, Denis Zanette (beide Etappensieger), Gianni Faresin, und Zeitfahr-Weltmeister Sergej Gontschar (Ukraine). "Sie werden nicht weiter fahren, bevor die Vorwürfe gegen sie nicht geklärt sind", sagte Teamchef Fabio Bordolani.
Giro-Gewinner Simoni hat ein reines Gewissen: "Ich bin sauber, was andere denken, interessiert mich nicht. Ich bin mit 20 000 Kilometern in den Beinen zum Giro gekommen und hatte fantastische Unterstützung meiner Mannschaft." Nach seinem völlig überraschenden zweiten Platz beim Zeitfahren am Gardasee, der ihm das Rosa Trikot beließ, hatte der 29-jährige Kletter-Spezialist vieldeutig gesagt: "Ich dachte, Wunder gibt es nur in Lourdes. Aber da habe ich mich wohl getäuscht".
Auch die Gegenprobe positiv
Der Däne Bo Hamburger aus dem Radrennstall des Ex-Toursiegers Bjarne Riis ist derweil endgültig des Epo-Dopings überführt worden. Der Vizeweltmeister von 1997 war am 19. April nach dem Fleche Wallone in Belgien, einem Rennen der ersten Kategorie, in der A- und B-Probe auf Urin-Basis positiv getestet worden. Am Montag bestätigte der dänische Radsport-Verband, dass eine beantragte Gegenprobe zum gleichen Ergebnis geführt habe. Hamburger war bereits im Mai von seiner CSC-Mannschaft suspendiert worden.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum











