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Italien-Rundfahrt
Der Giro d'Italia zu Gast in Holland

Apeldoorn. Sprinter Marcel Kittel rechnet sich auf den ersten Flachetappen gute Chancen aus. Von Martin Beils

Die Nationalfarbe der Niederlande und die Hausfarbe des Giro d'Italia beißen sich ein wenig. Hier Plakate in Oranje, da T-Shirts und Kappen, Wimpel und Luftballons, Fahrräder und umhäkelte Baumstämme in Rosa. Die Stadt Apeldoorn hat sich zum Start der 99. Italien-Rundfahrt der Radprofis, zur Grande Partenza, schrill herausgeputzt. Und immerhin: Das Rosa und die Sonnenbrand-Röte vieler Zuschauer harmonieren ganz gut.

Die Niederlande umarmen den großen Radsport. Auch wenn sie seit langem keinen Gewinner bei Tour de France, Giro oder Vuelta hervorgebracht haben (Joop Zoetemelk war bei der Tour im Jahr 1980 der letzte), so heißen sie doch die großen Rundfahrten regelmäßig willkommen. Der Grand Départ der Frankreich-Rundfahrt fand im vergangenen Jahr in Utrecht statt, der Giro war 2010 ebenfalls in Utrecht, und die Spanien-Rundfahrt nahm 2009 auf der Motorradrennstrecke in Assen Tempo auf. Gestern gibt sich sogar König Willem-Alexander, als Mitglied des IOC ein ausgewiesener Sportfreund, in Apeldoorn die Ehre, das Feld auf seine dreiwöchige Reise zu schicken. Arnheim und Nimwegen sind an diesem Wochenende Zwischenstationen, bevor der Tross nach Süditalien fliegt. Heute schaut der Giro dabei einmal in einem Zipfel Kranenburgs vorbei.

Die Flachstücke heute und morgen, bei denen der Wind der schärfste Gegner sein wird, bieten Marcel Kittel gute Chancen, seine bereits acht Siege umfassende Saisonbilanz weiter zu veredeln. Der Sprinter gehört genau wie sein in diesem Jahr nach drei Rippenbrüchen freilich noch nicht in Tritt gekommene André Greipel ("Ich hatte das schlechteste Frühjahr, seit ich denken kann") zu den schnellsten Männern im Feld der zweitwichtigsten Rundfahrt überhaupt. Beim Einzelzeitfahren über 9,8 Kilometer in Apeldoorn belegt Kittel den starken fünften Rang. Doch für ihn ist der Auftakt nicht mehr als ein verschärftes Aufwärmprogramm. Tom Dumoulin darf sich nach dem Tagessieg das rosa Trikot überstreifen. Als Anwärter auf den Gesamtsieg gelten der Italiener Vincenzo Nibali, der Spanier Alejandro Valverde und vielleicht noch der Schweizer Fabian Cancellara.

Kittel verspürt in diesem Jahr Nachholbedarf, nachdem ihn sein damaliges Team Giant-Alpecin im vergangenen Jahr nicht für die Tour de France berücksichtigt hatte. Das Management traute dem achtmaligen Etappensieger der beiden Vorjahre nach einer hartnäckigen Virusinfektion im Frühjahr keine großen Sprünge zu. Kittel sah das anders und wechselte deshalb nach der Saison vorzeitig das Team. Er fährt jetzt für die belgische Equipe Etixx-Quickstep und genießt - zumindest während des Giros - die volle Unterstützung. "Ich habe den besten Saisonstart meiner Karriere hingelegt", sagt der 27-jährige Erfurter, der zuletzt wegen einer Erkältung die Romandie-Rundfahrt in der Schweiz vorzeitig verlassen musste. "Das war eine Vorsichtsmaßnahme." Mehr Erfolge als er hat in diesem Jahr noch kein Radprofi gesammelt. Kittel hat sich für diese Saison den anspruchsvollen Doppelstart beim Giro und der Anfang Juli beginnenden Tour de France vorgenommen. Olympia kommt für ihn nicht in Betracht, weil die Strecke zu bergig und damit nichts für Sprinter ist. Anders der Saisonabschluss bei den Weltmeisterschaften in Doha/Katar. Der flache Kurs dürfte ihm liegen. Apeldoorn feiert den Radsport - und gibt einen Vorgeschmack auf das, was 2017 in Düsseldorf los sein könnte.

Schon Stunden vor dem Start sind die für Giro-Touristen ausgewiesenen Parkplätze an den Autobahnausfahrten belegt. Züge spucken am Bahnhof Scharen von Fans aus, die singend und (in Maßen) biertrinkend zur Strecke ziehen und jeden der fast 200 Rennfahrer anfeuern. Drehorgeln sorgen für Begleitmusik. Hobby-Radsportler unternehmen eine Sternfahrt nach Apeldoorn. Flugzeuge mit Werbebannern und der Hubschrauber des Fernsehens machen ihnen von weitem kenntlich, wo die Profis unterwegs sind. Die Provinzstadt mit den 160.000 Einwohnern ist gestern die Hauptstadt des Radsports.

Quelle: RP
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