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Radsport
Degenkolb macht wieder Pläne

John Degenkolb triumphiert in der "Hölle des Nordens"
John Degenkolb triumphiert in der "Hölle des Nordens" FOTO: afp, jm
Oberursel. Langsam wandelt sich John Degenkolbs Gesichtsausdruck von verdutzt zu freudestrahlend, als er gestern in den mit Journalisten voll besetzten Raum im Brauhaus Alt-Oberursel tritt. Dann setzt sich der Radprofi an einen Tisch im anheimelnd eingerichteten gutbürgerlichen Restaurant im Taunus. Von Patrick Scherer

Der 27-Jährige erklärt, dass er sich sehr über das rege Interesse an seiner Person freue. Degenkolb zeigt sich das erste Mal in der Öffentlichkeit seit seinem schrecklichen Unfall im Januar, bei dem er schwere Verletzungen davontrug. Der Fahrer vom Giant-Alpecin-Team spricht von Hoffnung. Man spürt aber auch, dass ihn die Ungewissheit, ob er jemals wieder an seine Top-Form anknüpfen kann, bedrückt.

Mit etwa 35 Kilometern pro Stunde fährt Degenkolb mit seinen sechs Teamkollegen am 23. Januar auf einer leicht abschüssigen Landstraße in Spanien zwischen Valencia und Alicante in Richtung Teamhotel. Hinter einer Kurve fährt eine 73-jährige britische Touristin mit ihrem Auto auf der falschen Straßenseite. Es kommt zum heftigen Zusammenstoß. Einzig der Däne Sören Kragh Andersen, der an letzter Stelle fährt, kann dem Fahrzeug ausweichen. Degenkolb, der nicht in der ersten Reihe fährt, trägt - wie fünf seiner Kollegen - schwere Verletzungen davon: gebrochener Unterarm, klaffende Wunden an Oberschenkel, Unterarm und Lippe. "Nur noch am letzten Zipfel" hängt die Kuppe seines linken Zeigefingers, wie Degenkolb später auf seiner Homepage schreibt.

In der Rückbetrachtung muss die Gruppe dennoch glücklich sein, dass der Unfall nicht noch schlimmere Folgen hatte. Das Team bereitet trotzdem eine Klage gegen die 73-Jährige vor. "Es wird etwas kommen, aber dazu werde ich noch nichts sagen", sagt Teamsprecher Daniel Beck. Zuletzt waren nur noch 16 von 27 Profis des Teams fit.

In Oberursel hebt Degenkolb seinen linken Zeigefinger hoch. Zu sehen ist er nicht, er ist in eine Plastikschiene gehüllt. "Der Finger war komplett zerstört. Man hat mir Knochen aus der Hüfte entnommen und daraus einen neuen Knochen für den Finger hergestellt", sagt der 27-Jährige, der sich fünf Operationen unterziehen musste. Diese acht Wochen seit dem Unfall habe er gebraucht, um das Ganze zu verarbeiten - körperlich und seelisch. "Die mentale Seite ist etwas, das man nicht unterschätzen sollte. Ich glaube aber, dass ich es gut verkraftet habe, da ich direkt viel mit meiner Familie, Freunden und Ärzten darüber gesprochen habe", erklärt der Sportler.

Im vergangenen Jahr hatte Degenkolb zwei Frühjahrsklassiker gewonnen - Mailand-San Remo und Paris-Roubaix. Das gelang vor ihm nur zwei anderen Profis. Der Sprinter wurde nach 2012 zum zweiten Mal als Deutscher Radsportler des Jahres ausgezeichnet. In diesem Jahr hätte Degenkolb am 19. März in Mailand mit der Nummer 1 auf dem Trikot starten sollen. 2016 hätte die Fortsetzung des steilen Karriereaufstiegs werden sollen. Die Folgen des Unfalls verhindern das vorerst. "Es wird schwer, sich die Klassiker im Fernsehen anschauen zu müssen", sagt er. Sein neues Fernziel heißt Tour de France im Juli.

Prognosen möchte Degenkolb nicht abgeben. Sollte gutes Wetter im Taunus herrschen, will er heute erstmals wieder mit dem Rad auf die Straße. "Ich weiß nicht, wie ich reagieren werde. Aber ich habe keine Angst, keine Alpträume", versichert Degenkolb. Sollte alles passen, will er sein Comeback in acht bis zehn Wochen geben.

Das traditionelle Rennen in Frankfurt am 1. Mai wäre ein Wunsch. "Aber", sagt Degenkolb, "nur weil es mein Heimrennen ist, werde ich nichts riskieren, wenn mein Körper noch nicht bereit ist."

Quelle: RP
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