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Tour de France
Sagans Ausschluss spaltet den Radsport

Pressestimmen: "Das war mutig und es verdient Respekt"
Pressestimmen: "Das war mutig und es verdient Respekt" FOTO: dpa
Düsseldorf. Paukenschlag bei der Tour de France: Weltmeister Peter Sagan wurde nach einem Ellbogenschlag gegen Mark Cavendish ausgeschlossen. Ein Vorfall, der bislang nicht zum Superstar-Image des Slowaken passte. Doch Sagan war schon immer unberechenbar – auf und neben dem Rad.  Von Daniel Brickwedde

Man würde gerne einmal in den Kopf von Peter Sagan gucken. In den Kopf jenes Mannes, der wie kein Zweiter derzeit den Radsport elektrisiert. Ein Mann, der weit über seinen Sport hinaus zum Medienphänomen wurde und einen regelrechten Hype auslöst. Der gleichzeitig aber unberechenbar scheint – und sich offenbar wenig darum schert, was andere von ihm halten. So zumindest der öffentliche Eindruck, den er selbst häufig vermittelt. Ob authentisch oder inszeniert, ob alles ein Spiel für ihn ist oder Ernst – das bleibt ein Geheimnis. Trotzdem wird er mit seinem Rockstar-Aussehen und seiner entsprechenden Attitüde von der Szene geliebt und gefeiert, weil Typen wie er jeder Sportart gut tun. Und gerade der Radsport einen solchen Typen brauchte. 

Seit der 4. Etappe der Tour de France 2017 hat sein Image allerdings einen erheblichen Makel erhalten. Sagan darf nicht weiter an der Tour teilnehmen, weil er Mark Cavendish in einem wilden und chaotischen Sprint bei Geschwindigkeiten über 60 km/h mit dem Ellenbogen in die Absperrung drückte. So zumindest die Ansicht der Rennjury, die den Weltmeister kurz nach der Etappe vom weiteren Verlauf der Rundfahrt ausschloss.

Rückschlag für Bora-hansgrohe

Dass er einen Fehler gemacht hatte, erkannte Sagan schnell, eilte zum Teambus von Cavendishs Team Dimension Data und versuchte, sich zu entschuldigen – erfolglos. Dimension Data leitete Protest ein und die Jury reagierte mit dem Ausschluss von Sagan nach Artikel 12.104 des Weltradsportverbands. Cavendish musste nach dem Sturz die Tour mit einem Schulterbruch ebenfalls verlassen. 

"Es ist jetzt keine Sache zwischen Cavendish und Sagan. Es gibt eine Jury, die die Regeln durchsetzen muss", erklärte Rolf Aldag, Sportlicher Leiter bei Dimension Data, gegenüber dem "Spiegel" nach dem Rennen. Sagan beteuerte hingegen: "Cavendish kam von rechts und ich wollte an das Hinterrad von Alexander Kristoff. Er kam sehr schnell von hinten und hat mich berührt. Ich hatte keine Zeit zu reagieren und er kam zu Sturz".

Den anschließenden Protest von Sagans deutschem Team Bora-hansgrohe gegen die Entscheidung lehnte die Jury ab. Sagan ist raus. Ein Paukenschlag. Auch für sein Team, das sowohl sportlich als auch durch das Medieninteresse um ihn bei dieser Tour glänzen wollte. Die 3. Etappe am Vortag nach Longwy hatte Sagan noch gewonnen. 

Das ist Peter Sagan FOTO: dpa, ge nic

Sagan hatte lange Narrenfreiheit

Dabei sind Sprintentgleisungen bei ihm keine Ausnahme. "Da fährt ein Typ im Weltmeister-Trikot, der meint, er könne sich alles erlauben", erklärte André Greipel unmittelbar nach der Ankunft. Auch er geriet mit Sagan aneinander, lehnte dessen Entschuldigung nach der Etappe mit den Worten "du hast mich heute das zweite Mal beinahe gekillt" ab. Hinterher ruderte Greipel via Twitter zurück und befand die Strafe als "zu hart". Mittlerweile nicht der Einzige, der für Sagan Partei ergriff – die TV-Bilder gaben nicht hundertprozentig Aufschluss über den Vorfall. Unter den Sprintern genießt er dennoch nicht das beste Image.

Bislang war das immer ohne Konsequenzen geblieben. Sagan schien Narrenfreiheit in einem Sport zu genießen, dessen größtes Aushängeschild er ist. Po-Kneifer bei Podiumsdamen, übertriebener Poser-Jubel bei Siegen oder merkwürdige und despektierliche Interviewauftritte: Kritische Stimme begleiteten die Karriere des 27-Jährigen, waren aber stets zu leise gegen die Geräuschkulisse seiner Fans. Da war jemand unkonventionell und hob sich vom Rest der Szene ab – das kam an. Zusammen mit seinen Erfolgen machte ihn das zum Superstar des Sports – im Wirken blieb er jedoch ein Mysterium. 

Der Vorfall in Vittel wird seinen Hype nicht stoppen, seine Karriere jedoch mit einem unerwünschten Fleck versehen. Zumindest verabschiede sich Sagan am Morgen nach der Etappe mit Stil. "Es tut mir leid, dass Mark Cavendish zu Fall gekommen ist und sich verletzt hat. Ich hoffe, dass er schnell gesund wird. Ich habe aber nichts falsch gemacht. Ich bin gegen die Entscheidung der Jury, aber ich akzeptiere sie", erklärte er und verließ die Tour. 

 
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