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Deutsche Fahrer bei Rad-WM
Drei Häuptlinge für einen Titel – wer steckt zurück?

Bilder: Greipel sprintet zum Etappensieg in Paris
Bilder: Greipel sprintet zum Etappensieg in Paris FOTO: afp
Doha. Ein Ziel, André Greipel als Kapitän und in Marcel Kittel sowie John Degenkolb zwei weitere Siegfahrer: Im WM-Straßenrennen am Sonntag ist die Chance auf einen deutschen Weltmeister so groß wie lange nicht. Doch wer ist bereit, zurückzustecken?

Seinem Nachfolger hätte Rudi Altig zu gerne noch selbst gratuliert. Dem letzten deutschen Weltmeister im Straßenrennen war dies aber nicht vergönnt, im Juni verstarb die Radsport-Legende nach einem Krebsleiden.

Dabei ist ausgerechnet diesmal bei der WM in Doha/Katar die Chance so groß wie lange nicht, dass ein Deutscher das Erbe des Mannheimers antritt. Exakt 50 Jahre nach Altigs Triumph am Nürburgring ist der Kurs über 257,5 km wie gemacht für die deutschen Top-Sprinter, die seit Jahren das Geschehen an der Spitze mitbestimmen.

"Ich möchte probieren, Weltmeister zu werden", sagt André Greipel, der als nomineller Kapitän das deutsche Team anführt. Ziemlich genauso hört es sich vor dem WM-Höhepunkt am Sonntag (ab 12 Uhr Eurosport) allerdings auch bei Marcel Kittel an. "Natürlich möchte ich Weltmeister werden", sagt der Thüringer.

Luxusprobleme

Und hier wird es kompliziert. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat in seinem sechsköpfigen Aufgebot ein Luxusproblem. Sowohl Greipel als auch Kittel sind Siegfahrer, die normalerweise ein Team um sich versammeln. Dazu kommt Klassikerspezialist John Degenkolb, der unter gewissen Umständen auch ein Wort mitreden könnte.

Es wird vielleicht die schwierigste Aufgabe, die drei Häuptlinge für ein gemeinsamen Ziel zu vereinen. "Wir sind das Jahr über Konkurrenten und jetzt in einem Team. Das kann gewisse Schärfe reinbringen", räumt Kittel ein, "aber wir gehen gut miteinander um." Auch Greipel hebt eine positive Grundstimmung hervor. "Wir gehen zusammen Kaffee trinken, wir gehen zusammen ein Bierchen trinken, wir essen zusammen Eis. Es gibt nicht viele Konkurrenten, die so miteinander umgehen", sagt der Rostocker.

Dennoch ist die Frage: Was passiert im Rennen, wenn es ernst wird? Eine richtige Antwort hat darauf im Moment keiner, auch die Teamchefs Jan Schaffrath und Andreas Klier nicht. Die Aussicht auf sechs Fahrstunden mit unbarmherziger Hitze und möglichen Windkanten in der Wüste lässt kaum Prognosen zu. "Es ist wirklich eine Wundertüte", sagt Greipel: "Keiner weiß, wie es am Sonntag läuft, wie sich Marcel, John und ich fühlen nach fast 260 km und 40 Grad." Kittel stimmt zu: "Es gibt viele Unbekannte."

Der gebürtige Arnstädter fordert allerdings von allen Ehrlichkeit und keinen falschen Ehrgeiz. "Es ist nicht einfach, das gebe ich zu. Wir müssen für uns als Mannschaft eine Antwort finden, um das Ergebnis zu holen, dass wir uns wünschen", sagt Kittel. Degenkolb ist davon überzeugt, dass das gelingt. "Wir werden am Ende zusammenarbeiten, das ist klar", sagt der Roubaix- und Sanremo-Sieger von 2015.

Doch gestalten kann das deutsche Team das Rennen nicht. Mit sechs statt den maximal neun möglichen Fahrern ist "Cleverness" der Schlüssel, wie Degenkolb sagte. Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin, Nils Politt und Jasha Sütterlin sind dafür verantwortlich, dass die Sprinter bis ins Finale Energie sparen können. Martin in Top-Form ist dabei besonders wertvoll. "Tony fährt für drei", sagt Greipel, der auf seinen wichtigsten Helfer und Kumpel Marcel Sieberg (Erkrankung) verzichten muss.

Für Greipel ist Doha vielleicht die letzte Karrierechance auf den WM-Titel, 2011 in Kopenhagen war er schon einmal Dritter. "Für mich ist es ein Traum, aber ich werde nicht dran zerbrechen, wenn es nicht klappt", sagt der 34-Jährige.

(sid)
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