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99 Tage nach dem Unfall
Degenkolb fiebert seinem Comeback entgegen

John Degenkolb triumphiert in der "Hölle des Nordens"
John Degenkolb triumphiert in der "Hölle des Nordens" FOTO: afp, jm
Die Leidenszeit von Radprofi John Degenkolb hat ein Ende. Am Sonntag gibt der Klassiker-Spezialist bei seinem Heimrennen Eschborn-Frankfurt sein Comeback nach über dreimonatiger Verletzungspause.

John Degenkolb verschwendet keinen Gedanken an den Sieg, schon die Rückkehr ins Renngeschehen ist für den deutschen Radprofi Erfolg genug. Nach über dreimonatiger Verletzungspause feiert Degenkolb am Sonntag beim Klassiker Eschborn-Frankfurt sein lang ersehntes Comeback und verfolgt dabei bescheidene Ziele: die Fahrt vor heimischem Publikum genießen - und das Ziel erreichen.

"Frankfurt ist für mich als Heimrennen ohnehin immer etwas ganz Besonderes. Dieses Jahr freue ich mich umso mehr, dass ich ausgerechnet hier mein Comeback nach dem schrecklichen Unfall geben kann", so Degenkolb. 99 Tage liegen zwischen dem folgenschweren Frontalzusammenstoß mit einer britischen Autofahrerin und der emotionalen Rückkehr am Sonntag. 99 Tage, die für den erfolgverwöhnten Sprinter die bislang schwierigste Phase der Karriere markieren.

Der gebürtige Geraer, der 2015 die Frühjahrsklassiker Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix gewonnen hatte, war am 23. Januar in Spanien mit fünf Kollegen vom Team Giant-Alpecin in den schweren Trainingsunfall verwickelt, hatte sich den linken Unterarm gebrochen und beinahe einen Teil des linken Zeigefingers verloren. "Es war pures Glück, dass wir zu keiner Beerdigung mussten und keiner im Rollstuhl sitzt. Da hat der liebe Gott einen Schutzengel geschickt", sagte Degenkolb der Bild.

Nach wie vor ist unklar, ob sein noch immer von einer Schiene gestützter linker Zeigefinger wieder voll funktionstüchtig wird. Radprofis sind Rückschläge gewohnt, Verletzungen und Knochenbrüche gehören zum Berufsrisiko. Doch die Herausforderungen und Folgen, denen sich Degenkolb stellen muss, sind besonders. Er müsse akzeptieren, "dass zum Beispiel das Schuhe zubinden nicht funktioniert wie bisher. Das muss man neu lernen", sagte der 27-Jährige, der auch mental enorm gefordert war.

Bei den großen Frühjahrsklassikern hatte er wie im Vorjahr groß auftrumpfen wollen. Doch während die Traditionsrennen in Belgien oder Frankreich andere Sieger fanden, spulte Degenkolb in der Heimat ein zermürbendes Programm ab: Reha statt "Ronde" in Flandern, Trainingsfahrten auf den Feldberg im Taunus statt holprige Feldwege bei Paris-Roubaix. Den Lohn der Plackerei will sich Degenkolb spätestens bei der Tour de France im Sommer abholen. Dann, so hofft er, soll endlich der erste Etappensieg bei der Frankreich-Rundfahrt gelingen.

In Frankfurt gehört die Bühne im Finale derweil anderen. Zu den Sieganwärtern zählt der norwegische Klassiker-Spezialist Alexander Kristoff (Katjuscha), prominentester deutscher Fahrer neben Degenkolb ist Zeitfahr-Ass Tony Martin (Cottbus/Etixx-QuickStep).

Nach der Absage im Vorjahr, als zwei mutmaßlich islamistische Terrorverdächtige im Vorfeld festgenommen worden waren, steht auch dieses Mal die Sicherheit im Fokus. In enger Zusammenarbeit mit der Polizei wurde ein entsprechendes Konzept entwickelt, die Aufmerksamkeit bei den Sicherheitsbehörden ist hoch.

Zwar gebe es bundesweit eine hohe abstrakte Gefährdung, "wir haben aber keine Hinweise darauf, dass wir eine Bedrohung des Radrennens fürchten müssen", sagte Dieter Herberg, Direktionsleiter Verkehrssicherheit im Polizeipräsidium Frankfurt/Main, dem SID. Die Vorfälle aus dem Vorjahr seien in den Planungen "natürlich miteinbezogen" worden.

(old/sid)
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