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Tour de France 2017
Christian Knees – der Bodyguard

Tour de France 2017: Christian Knees – der Bodyguard
Christian Knees im Tour-Zeitfahren von Düsseldorf FOTO: afp
Düsseldorf. Christian Knees bestreitet in diesem Jahr seine achte Tour de France. Eigene Ambitionen hegt der Bonner dabei nicht, er steht komplett im Dienst seines Kapitäns Chris Froome beim Team Sky. Er ist Helfer – ein oft unterschätzter Fahrertyp. Von Daniel Brickwedde

Als Knees das letzte Mal eine Etappe bei der Tour beendete, durfte er auf dem Champ-Elysees den Gesamtsieg der Tour de France feiern. Dabei hatte nicht er gewonnen, sondern sein Teamkollege Bradley Wiggins stand vor der Weltpresse in Ruhm und Ehre da. Den Moment beschrieb Knees damals dennoch als den größten seiner Karriere. Es ist die Charakteristik eines Domestiken, eines Helfers im Radsport: Den Erfolg eines anderen Fahrers möglich machen. Ist der Kapitän am Ziel, ist er es auch.

Er ist ein Fahrertyp wie ein Sprinter, Zeitfahrer oder Klassement-Fahrer – nur ein oft unterschätzter und unauffälliger. Denn ohne Fahrer wie ihm wäre der Erfolg anderer Fahrer kaum möglich. "Er müsste alles selber machen und am Ende würden ihm alle um die Ohren fahren", behauptet Knees gegenüber unserer Redaktion.

Zu Beginn seiner Karriere war Knees selbst häufiger Kapitän. Er fuhr von 2006 bis 2010 für das deutsche Team Milram, gewann Rund um Köln, die Bayern-Rundfahrt und belegte 2009 bei der Tour de France einen beachtlichen 19. Platz in der Gesamtwertung. Nach seinen Ambitionen waren es aber keine Weltklasse-Leistungen, der Durchbruch war ihm nicht gelungen, wie der 36-Jährige rückblickend meint. Nach dem Aus von Milram Ende 2010 war daher die Frage: "Wie geht es weiter? Bleibe ich ein durchschnittlicher Profi, der manchmal gut unterwegs ist, oder mache ich etwas, indem ich richtig gut bin?" Knees wechselte zum Team Sky.

Ein Bodyguard für die Flachetappen

In dem illustren Kader der britischen Mannschaft war seine Helferrolle vorprogrammiert. Seitdem hat er kein Rennen mehr gewonnen. Dass er trotzdem immer noch zur Mannschaft gehört, sieht er als Bestätigung seiner Arbeit. "Ich bin einer der besten Domestiken", erklärt der 36-Jährige.

Fünf Jahre nach dem Erfolg durch Wiggins bei der Tour 2012 steht Knees 2017 erstmals wieder im Tour-Aufgebot von Sky. Überrascht hat ihn das nicht, er hat sich den Kaderplatz hart erarbeitet – sogar härter als sonst, versichert er: "Der Heimstart war natürlich eine zusätzliche Motivation." Aber auch die Streckenführung kommt seinen Fähigkeiten entgegen. Es gibt mehr Flachetappen, Terrain, bei dem Knees gefordert ist.

"Die Aufgaben im Team sind aufgeteilt. Es gibt den Leader Froome, dem im Hoch- und Mittelgebirge einige Fahrer zur Seite stehen und welche für die Flachetappen. Dort sind kräftige Fahrer gefragt, die ihn aus dem Wind halten, damit er Kraft sparen kann und die ihn das Leben so einfach wie möglich machen", beschreibt er seine Aufgabe. Den Briten Luke Rowe und sich bezeichnet er für solche Etappen als die "Bodyguards" von Froome.

Die Fähigkeit, ein "Rennen lesen" zu können

Das hat auch viel mit Erfahrung zu tun. Er nennt es ein "Rennen lesen" können. Heißt, Gefahrenpunkte frühzeitig erkennen, damit er mit Froome am Hinterrad reagieren und ihn aus allen gefährlichen Situationen heraushalten kann – das können Windverhältnisse, knifflige Streckenabschnitte, Stürze oder Angriffe anderer Fahrer sein. Er habe ein Gefühl dafür, sagt er.

Dennoch wäre es ihm lieber gewesen, es hätte gleich auf der 2. Etappe eine Bergankunft gegeben: "Dann wäre die Gesamtwertung schon strukturiert und das Fahrerfeld nicht mehr so nervös und hektisch. Das würde meinen Job weniger stressig machen". Dass er während der Tour de France mehr leistet, als sein Kapitän, "sollte sogar so sein", findet er.

Wertschätzung für seine Leistung erhält er, indem sie honoriert wird. "Ein guter Kapitän erkennt deine Leistung und gibt dir das Gefühl, etwas besonders zu sein. Das setzt dann noch ein wenig mehr bei einem frei", erklärt Knees. Schlechte Erfahrungen hat er noch nicht gemacht, trotzdem betont er den Unterschied zwischen einem "Danke" und einem "Danke". Das hat er vor allem bei Mark Cavendish erkennt. Mit dem Sprinter fuhr er 2012 zusammen bei Sky. "Er ist ein super Kapitän. Er kann Leute toll motivieren und sich emotional bedanken, das hat mich fasziniert. Er schickt auch mal eine persönliche E-Mail, wenn man sich nach dem Rennen nicht mehr gesehen hat".

"Träume davon, noch mal was Großes zu gewinnen"

Auch Froome zählt er zu dieser Kategorie. "Er ist sehr normal geblieben. Die drei Tour-Siege haben ihn nicht verändert. Er ist ein Kumpeltyp", beteuert er. Trotzdem bleibt es am Ende ein Job, in dem er seine Aufgaben erfüllen muss. Konstruktive Kritik gehört zum Lernprozess dazu. "Da muss man offen sein", versichert er. Wenn irgendwas nicht passt, dann wird mit den Fahrern oder mit der Teamleitung diskutiert. Als erfahrender Fahrer gibt Knees dabei "gerne seine meine Meinung weiter".

Aber warum unterwirft er seine kompletten eigenen Ansprüche für die Ziele eines anderen? "Es ist auch schön als Teamplayer zu gewinnen – gerade bei Sky", findet Knees. Er kennt seine Rolle im Team. Da gibt es kein Murren und über einen Etappensieg denkt er gar nicht nach. Dafür ist er nicht hier, beteuert er. Allerdings ist Knees auch Sportler – und hat eigene Ambitionen.

"Ich fahre Radrennen, weil ich davon Träume, noch mal was Großes zu gewinnen", sagt er. Nicht bei der Tour de France, aber bei den Frühjahrs-Klassikern. "Richtiger Tag, richtige Form, etwas Glück – man weiß nie, wann eine Chance um die Ecke kommt, selbst als Helfer. Damit motiviere ich mich", hofft er noch auf den großen Coup am Ende seiner Karriere.

Bis dahin freut er sich über die Schulterklopfer von Froome für seine Helferdienste – außer, er hat totalen Mist gebaut. Aber das ist "zum Glück noch nicht vorgekommen", erzählt Knees.

 
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