| 18.09 Uhr

Etappensieg in Lüttich
Kittel knutscht und weint Freudentränen

Kittel küsst nach Etappensieg in Lüttich Freundin Tess
Kittel küsst nach Etappensieg in Lüttich Freundin Tess FOTO: dpa, hak
Marcel Kittel hat die zweite Etappe der 104. Tour de France gewonnen. Nach seinem Sieg im Massensprint in Lüttich war der Erfurter überwältigt. André Greipel krönte den deutschen Tag als Dritter.

Marcel Kittel brüllte mit Tränen in den Augen seine ganze Freude hinaus, dann schnappte sich der Triumphator seine Freundin Tess und drückte ihr einen dicken Knutscher auf den Mund. Mit einem grandiosen Sieg auf der zweiten Etappe nach Lüttich hat der Sprintstar der großen deutschen Radsport-Party ein rauschendes Finale beschert und den ersten Tour-Auftakt in Deutschland seit drei Jahrzehnten mit dem Etappensieg gekrönt.

"Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es war ein unglaublicher Tag, ein unglaublicher Auftakt, vor allem mit so vielen Menschen in Deutschland an der Strecke", sagte der 29 Jahre alte Kittel nach dem zehnten Tour-Coup seiner Karriere: "Ich kann nicht sagen, dass ich heute frei von Druck oder Erwartungen war –ich wollte diesen Sieg unbedingt."

In einem packenden Finish an der Maas hatte der Quick-Step-Profi aus Thüringen die besten Beine und verwies mit einem mächtigen Sprint von knapp 70 km/h den Franzosen Arnaud Demaré (FDJ) auf Platz zwei und sicherte sich damit auch das Grüne Trikot. Knapp dahinter wurde der Rostocker André Greipel (Lotto-Soudal) Dritter. "Der Schnellste hat heute einfach gewonnen", meinte Greipel.

Happy End nach Martins Enttäuschung

24 Stunden nach der schmerzhaften Pleite von Hoffnungsträger Tony Martin im verregneten Düsseldorfer Zeitfahren gelang Kittel das Happy End eines auch am zweiten Tag spektakulären Grand Départ in der Rhein-Metropole. Hunderttausende Fans schickten das Feld am Mittag auf die Reise, mehr als eine Million Zuschauer bevölkerten die Strecke bis zur Grenze.

Das Gelbe Trikot trägt nach dem Auftakt-Wochenende der Waliser Geraint Thomas. Der Edelhelfer von Titelverteidiger Chris Froome im Team Sky hatte am Samstag triumphiert, der deutsche Hoffnungsträger Martin (Cottbus/Katjuscha-Alpecin) war dabei nicht über den vierten Platz hinausgekommen. Für Martin wurde die Tour de France am Sonntag endgültig zur Tour de Frust – das Ziel in Lüttich erreichte der 32-Jährige nach einem Massensturz blutend.

Auf den 144 km von Düsseldorf bis zur Grenze bei Aachen standen zuvor die deutschen Radfans meist dichtgedrängt, in den größeren Städten wie Neuss und Mönchengladbach herrschte trotz des neuerlichen Regenwetters beste Partystimmung. "Das war gigantisch und hat gezeigt, dass der Radsport in Deutschland nicht tot ist", sagte Greipel.

Gigantische Atmosphäre im Rheinland

Die Fahrer genossen die Atmosphäre sichtlich. Zeit dazu hatten sie schließlich auch, rein sportlich war die zweite Etappe lange eine recht unspektakuläre Angelegenheit. Die obligatorische Ausreißergruppe mit US-Profi Taylor Phinney als prominentestem Fahrer hatte sich früh abgesetzt, das Feld mit Sky und den Sprinterteams fror den Rückstand aber bei gut kontrollierbaren zweieinhalb Minuten ein. Die letzten Ausreißer wurden allerdings erst an der 1000-Meter-Marke geschnappt - eine Punktlandung.

Rund 30 Kilometer vor dem Ziel waren zwei Dutzend Fahrer in einen Massensturz auf rutschiger Straße verwickelt. Auch Martin, Froome und der französische Herausforderer Romain Bardet gingen zu Boden, konnten aber das Rennen mit einigen Schrammen fortsetzen. Froome musste mit einigem Aufwand die Lücke zum Feld schließen.

Martin rollte am Tag nach dem vergeblichen Angriff auf Gelb, den er über Wochen generalstabsmäßig geplant hatte, bis zum Sturz weitestgehend im Feld mit. Die erste Enttäuschung über das verpasste große Ziel hatte der Weltmeister verdaut. "Ich komme mit der Situation klar, der Kopf ist nicht unten", sagte Martin, der den 14 km langen am Samstag nur als Vierter beendet hatte.

Die Gesamtführung vor Hunderttausenden Fans am Rheinufer erkämpfen, im "Maillot jaune" Düsseldorf verlassen - so hatte sich Martin das vorgestellt. Davon trennten ihn letztlich acht Sekunden, die er auf den letzten Kilometern gegenüber Thomas liegen ließ - bei der Zwischenzeit lag der 32-Jährige noch vier Sekunden vor dem späteren Sieger.

"Ich hatte die klare Zielstellung zu gewinnen, es war eine einmalige Chance, in Deutschland in Gelb zu fahren", sagte Martin, dem nach eigener Aussage im Finale "der Akku ausgegangen" war.

Von den Gesamtfavoriten machte Froome die mit Abstand beste Figur - und distanzierte als Sechster seine Konkurrenten wie den Australier Richie Porte deutlich. Eine starke Vorstellung zeigten Sprinter Kittel als Neunter (+0:16) und Nikias Arndt als Elfter (+0:16).

(sid)
 
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