| 10.37 Uhr

Tour de France
Marcel Kittel – die Naturgewalt

Marcel Kittel feiert den Sieg auf der 6. Etappe
Marcel Kittel feiert den Sieg auf der 6. Etappe FOTO: AFP
Düsseldorf. Marcel Kittel scheint bei dieser Tour de France in den Sprintentscheidungen nicht zu schlagen. Sein zweiter Tagessieg führte bereits zu ersten Resignationen unter den Konkurrenten. Kittel hat seinen eigenen Weg zum Erfolg gefunden – mit Kraft und Auge. Von Daniel Brickwedde

Der zweitplatzierte Arnaud Demaré (FDJ) bemühte das Bild einer "blauen Gewehrkugel", die auf den letzten Metern zum Zielstrich noch an ihm vorbeischoss, um den Sprint von Marcel Kittel (Quick-Step Floors) zu beschreiben. Es macht sich Resignation unter der Sprintkonkurrenz bei der Tour de France breit – zu dominant und zu stark erscheint Kittel derzeit. "Ich dachte, ich könnte gewinnen. Aber dann kam er auf der linken Seite durch. Er ist einfach viel schneller als wir anderen", begnügte sich der Franzose schließlich mit Platz zwei. Landsmann André Greipel (Lotto Soudal), wie bereits auf der zweiten und vierten Etappe Tagesdritter, ergänzte schlicht: "Er ist zehn Stundenkilometer schneller an mir vorbeigefahren. Er ist zurzeit der Beste."

Dabei könnte man meinen, es lief noch nicht einmal perfekt bei Kittel. Der Erfurter lag auf den letzten Hundert Metern einige Positionen hinter der Konkurrenz zurück – Situationen, aus denen normalerweise keine Sprints mehr gewonnen werden. Doch der Erfurter zeigte wie bei seinem Sieg auf der zweiten Etappe in Lüttich, dass er derzeit noch so weit zurückliegen kann, am Ende fängt er dennoch jeden Kontrahenten vor der Ziellinie ab. Die Konkurrenz wirkt machtlos. Es hatte einen Hauch von sportlicher Demütigung, was sich im Ziel der sechsten Etappe in Troyes abspielte.

Eigene Art des Sprints gefunden

Kittel widerlegte damit auch die weitverbreitete Annahme, erfolgreiche Sprinter brauchen im Finale Teamkollegen als Anfahrer. Ihm genügt dagegen derzeit seine schiere Kraft und Endschnelligkeit, gepaart mit großem Selbstvertrauen und dem richtigen Auge für die Situation. Er hat seine ganze eigene Art des Sprints gefunden. "Wenn ich von hinten komme, sind gute Beine die Grundlage. Aber die Form stimmt", erklärte Kittel nach seinem Sieg und fügte an: "Es kommt nicht nur auf die Teampower an. Man muss klug fahren, im richtigen Moment vorne am richtigen Rad sein. Das macht den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Sprinter aus".

Für ihn ist es eine Rückkehr zu alter Dominanz. In den Jahren 2013 und 2014 war er schon einmal mit je vier Etappensiegen der alles überragende Sprinter der Rundfahrt, ehe er 2015 durch eine Viruserkrankung nie in Fahrt und Form kam und schließlich nicht für die Frankreich-Rundfahrt nominiert wurde. Eine Phase, die er später als die schwierigste seiner bisherigen Karriere beschrieb. Im Vorjahr war seine Klasse zurück, bei der Tour fehlten ihm jedoch einige Prozente und Kittel erreichte nur einen Tagessieg. Die Bilanz hat er in diesem Jahr bereits nach sechs Etappen getoppt.

Grünes Trikot und Zabels Rekord in Sicht

"Es war ein harter Weg zurück zu diesem Level. In einer Karriere gibt es immer Hoch und Tiefs. Aber am Ende zählt, dass ich dieses Level und diese Siege wieder erreicht habe", so Kittel, der nach dem Ausschluss von Peter Sagan (Bora-hansgrohe) auch gute Aussichten auf den Gewinn des Grünen Trikots hat. Mit dem Sieg rückte er bis auf 27 Punkte an den Führenden der Wertung heran.

Und es winkt noch ein deutscher Rekord. Mit elf Etappensiegen zog er nach Tagessiegen bei der Tour de France mit Greipel gleich und liegt nur noch einen hinter der deutschen Rekordmarke von Erik Zabel, der zwischen 1995 und 2002 zwölf Etappensiege bei der Frankreich-Rundfahrt gewann. Mit dieser Form scheint Kittel als neuer Rekordhalter nur noch eine Frage von einigen Etappen.

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Tour de France 2017: Naturgewalt Marcel Kittel


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.