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Tour de France
Boom darf starten – Astana sorgt gleich für Negativ-Schlagzeilen

Tour de France: Astana sorgt schon vor dem Start für einen Skandal
Lars Boom vom Skandal-Team Astana startet doch bei der Tour de France. FOTO: dpa, pt
Utrecht. Das Skandal-Team Astana hat bereits vor dem Start der 102. Tour de France für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Der Niederländer Lars Boom startet trotz eines zu niedrigen Cortisol-Werts, die Bewegung für glaubwürdigen Radsport (MPCC) hat einen weiteren Schlag erlitten.

Die Entscheidung über die Zukunft von Radprofi Lars Boom bei der 102. Tour de France ließ sich bereits am Samstagmorgen erahnen. Frisch poliert standen die hellblauen Fahrräder des Astana-Teams auf dem Parkplatz des Teamhotels aufgereiht aneinander, und neben den acht Rennmaschinen seiner Kollegen war auch das mit Booms Startnummer zwei dabei.

Dass Boom bei der Frankreich-Rundfahrt überhaupt nur einen einzigen Meter fahren würde, war zu diesem Zeitpunkt aufgrund eines zuvor festgestellten zu niedrigen Cortisol-Wertes fraglich. Doch nur wenige Stunden später sorgte die von einem höchst fragwürdigen Ruf begleitete kasachische Equipe mit einem kontroversen Beschluss schon vor dem Start für erneute Negativ-Schlagzeilen.

Astana schickte Boom trotz des Befundes beim Auftakt-Einzelzeitfahren in Utrecht ins Rennen - und setzte sich damit über die freiwillig akzeptierten Regeln der "Bewegung für glaubwürdigen Radsport" (MPCC) hinweg. "Diese Regeln haben keinen juristischen Wert. Es zählen nur die Regeln der UCI", kommentierte der hoch umstrittene Teamchef Alexander Winokurow, einst des Blutdopings überführt, in der L'Equipe.

Astana befand sich durch das Testergebnis in einer Zwickmühle. Die Regelung der MPCC, der sich Astana offiziell angeschlossen hatte, sieht im Fall Boom eine vorbeugende Sperre von acht Tagen vor. Nachdem die UCI, nach deren Reglement Boom starten darf, die Nominierung eines Ersatzfahrers aufgrund einer verstrichenen Frist ablehnte, stand Astana vor der Wahl: Die MPCC achten und geschwächt in die Mission Titelverteidigung von Vincenzo Nibali gehen, oder den nicht verpflichtenden Kodex ignorieren.

Astanas Wahl fiel mit dem Verweis auf nicht vorhandene Gesundheitsrisiken auf letztere Option. Teammediziner wiesen in einer Mitteilung darauf hin, dass Booms niedriger Cortisol-Spiegel das Ergebnis einer bekannten und lange anhaltenden Asthma-Therapie sei. Diese stelle keine Verletzung der UCI-Regularien dar. Das Team will Boom in den kommenden Tagen weiter testen.

Aus rein sportlicher Sicht ist die Entscheidung des Astana-Managements nachvollziehbar. Booms Verlust wäre ein schwerer Schlag für Nibalis Siegambitionen gewesen. Der 29-Jährige ist vor allem auf der schweren vierten Etappe am Dienstag, die über das Kopfsteinpflaster von Paris-Roubaix führt, als Eskorte seines Kapitäns gefordert. Als Nibali auf vergleichbarem Terrain in Vorjahr den Grundstein zu seinem ersten Tour-Sieg legte, gewann Boom die Etappe. Boom war zudem für das Team-Zeitfahren am 12. Juli als Leistungsträger fest eingeplant.

Der Ruf der Mannschaft, deren Lizenz nach fünf positiven Dopingfällen im Vorjahr auf der Kippe gestanden hatte, erlitt jedoch weiteren Schaden. Merkwürdig mutet im Nachhinein auch der Auftritt Booms bei der Pressekonferenz am Freitag an. Rund eine Stunde, nachdem das Team von seinen Werten erfahren hatte, saß er seelenruhig auf dem Podium und stand Rede und Antwort.

Astanas Verhalten ist kein Einzelfall. Das Team Bardiani-CSF, bei dem ein nicht genannter Fahrer mit der selben Diagnose auffällig geworden war, ignorierte beim Giro d'Italia die Regeln der MPCC und startete wie Astana in geschlossener Mannschaftsstärke.

Der Wert der MPCC für den Radsport ist mehr denn je fraglich. Lediglich 13 der 22 bei der Tour teilnehmenden Teams sind Mitglied, die Regularien scheinen nicht einmal mehr eine abschreckende Wirkung zu haben. Auf die Frage, ob Astana der MPCC erhalten bleibe, sagte Winokurow lapidar, er überlasse die Entscheidung dem MPCC-Präsidium.

(sid)
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