| 18.56 Uhr

17. Etappe der Tour de France
Alpen-Triumph rührt Geschke zu Tränen

Tour de France: Geschke kommen nach Alpen-Erfolg die Tränen
Tour de France: Geschke kommen nach Alpen-Erfolg die Tränen FOTO: dpa, sam
Pra Loup. Überwältigt von der Magie des Augenblicks rang Simon Geschke um Fassung, immer wieder schossen ihm Tränen in die Augen. "Das ist ein unwirklicher Moment, der schönste Tag in meinem Leben. Davon habe ich immer geträumt", sagte der deutsche Radprofi mit zittriger Stimme.

Sein erster Etappensieg bei der Tour de France war für den deutschen Radprofi kaum zu begreifen. Mit einem sagenhaften Soloritt über das "Dach der Tour" hatte Geschke sich selbst und seine Gegner verblüfft, in insgesamt 161 kräftezehrenden Kilometern nach Pra Loup war er zum größten Erfolg seiner Karriere geflogen. Überschwänglich feierten seine Teamkollegen den bärtigen Berliner im Ziel, der sich trotz des verdienten Lohns für seine treuen Helferdienste aber nicht von seinem Markenzeichen trennen wollte: "Ich werde mich erst rasieren, wenn ich das Gesamtklassement der Tour gewinne. Das wird aber nie passieren."

In den ersten zwei Wochen hatte sich Geschke für seinen Kapitän John Degenkolb (Gera) aufgeopfert, er kämpfte in den Massenankünften den Weg frei und erwies sich als Teamplayer. Doch die Zeit der Sprinter ist bei der Tour 2015 vorerst vorbei, und so durfte Geschke seine Chance ergreifen. Am Montag hatte es auf dem Weg nach Gap nur zu Platz vier und der "Holzmedaille" gereicht, nur zwei Tage später hatte das Warten auf "einen perfekten Tag" aber ein Ende.

Geschke war am Mittwoch erneut Teil einer großen Fluchtgruppe, die sich nach einer rasanten ersten Rennstunde bildete. Rund 45 km vor dem Ziel suchte er sein Glück als Einzelkämpfer. Auf dem Weg zum Col d'Allos, dem höchsten Punkt der diesjährigen Tour, bewies er seine Kletterqualitäten. Auch auf der halsbrecherischen Abfahrt, auf der sein Verfolger Thibaut Pinot (Frankreich/FDJ) stürzte, blieb er cool. "Ich habe in der Abfahrt viel riskiert, aber auch nicht alles. Ich habe versucht, mich auf die Ideallinie zu konzentrieren", sagte Geschke.

Der erneut fordernde Anstieg ins Ziel wurde für Geschke zu einer quälenden Tortur, die sich lohnte. "Im letzten Anstieg bin ich im Tunnel über der Schmerzgrenze gefahren. Ich habe gedacht, dass ich einbreche", sagte er. Doch Geschke blieb bei Kräften. Zwar näherten sich seine Verfolger, das Zeitpolster vor dem herannahenden Amerikaner Andrew Talansky (Cannondale-Garmin) reichte allerdings. "Ich habe es mit der Brechstange probiert, ich hatte keine Lust, nochmal Vierter oder Fünfter zu werden", sagte Geschke.

Tour de France: Keine Schweigeminute für Germanwings-Opfer FOTO: dpa, sam

Bereits auf den letzten Metern war die Anstrengung in seinem Gesicht einem Lächeln gewichen. "Ich habe noch nicht so viel gewonnen in meiner Laufbahn", sagte Geschke, der auch aus der Heimat Glückwünsche empfing. "Wahnsinn!!", twitterte etwa Sprintstar und Teamkollege Marcel Kittel, dessen kontroverses Tour-Aus Geschkes Start überhaupt erst ermöglicht hatte.

Für die deutschen Fahrer war es bereits der fünfte Tagessieg bei der Tour 2015 und der 80. insgesamt. Vor Geschke waren der inzwischen ausgestiegene Tony Martin und Sprintstar Andre Greipel (3) erfolgreich gewesen. Zudem war es der erste deutsche Sieg bei einer Tour-Alpenetappe seit Linus Gerdemann (2007).

Im Kampf um den Gesamtsieg setzte Christopher Froome seine One-Man-Show fort, der Brite steuert seinem zweiten Gesamtsieg ungebremst entgegen. Der 30 Jahre alte Träger des Gelben Trikots knüpfte an die starken Leistungen in den Pyrenäen an und wehrte alle Angriffe der Konkurrenz mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit ab. Die Debatte um seine Leistungsdaten, die seine Sky-Mannschaft angesichts anhaltender Doping-Zweifel am Dienstag veröffentlicht hatte, prallte an ihm ab.

Froome profitierte zudem vom Pech seiner Gegner. Giro-Sieger Alberto Contador (Spanien/Tinkoff-Saxo) musste in der Abfahrt vom Col d'Allos das Rad wechseln und verlor wertvolle Zeit. Auch eines weiteren großen Rivalen entledigte sich Froome ohne eigenes Zutun. Der Amerikaner Tejay van Garderen (BMC Racing), vor Etappenbeginn Dritter der Gesamtwertung, verlor von einer Krankheit geschwächt schon an der ersten und vergleichbar leichten Bergwertung den Anschluss an die Top-Favoriten.

Alle deutschen Tour-Etappensieger FOTO: AFP

Einzig der Kolumbianer Nairo Quintana (Movistar) kann Froome den zweiten Gesamtsieg nach 2013 noch ernsthaft streitig machen. Der Rückstand des zweitplatzierten Bergflohs aus den Anden beträgt allerdings bereits 3:10 Minuten.

(sid)
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