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Trotz der "Mafia-Affäre": Rogge: Eiskunstlauf bleibt olympisch

zuletzt aktualisiert: 02.08.2002 - 20:48

Neuss/Manchester (rpo). Der belgische IOC-Präsident Jacques Rogge sieht trotz der "Mafia-Affäre" von Salt Lake City eine olympische Zukunft für den Eiskunstlauf. Man könne die Sportler nicht für die Fehler der Funktionäre bestrafen, meinte Rogge bei den Commonwealth Spielen in Manchester am Freitagabend.

"Wir können die Sportler nicht für die Fehler der Funktionäre bestrafen. Wenn die Offiziellen etwas falsch gemacht haben, dann müssen sie dafür bestraft werden, und wir werden sie auswechseln", sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bei den Commonwealth Spielen in Manchester am Freitagabend.

Der Belgier betonte, dass die Sportart Eiskunstlauf nicht für den Skandal verantwortlich gemacht werden könne und deshalb nicht aus dem olympischen Programm genommen werde solle. Sollten sich allerdings die Manipulationsvorwürfe bestätigen, schließt Rogge nicht aus, "dass die Olympia-Ergebnisse annulliert werden".

Ähnlich hatte sich zuvor auch Thomas Bach geäußert. "Aber ich halte auch nichts von Schnellschüssen. Vorrangig ist die schnelle Aufklärung. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Sports und um seine Existenz", sagte der IOC-Vizepräsident dem sid. Bach ergriff am Freitag die Initiative und forderte das FBI auf, seine bisher gewonnenen Erkenntnisse der Internationalen Eislauf-Union (ISU) zur Verfügung zu stellen.

Außerdem rief der Tauberbischofsheimer in einem Schreiben an Bundesinnenminister Otto Schily "zur engen Zusammenarbeit zwischen Staat und Sport mit intensivem Informationsaustausch" auf. "Wenn es Erkenntnisse von Bundeskriminalamt oder Europol gibt, sollte der Sport diese erhalten", forderte Bach zwei Tage nach der Verhaftung des unter Mafia-Verdacht stehenden Russen Alimsan Tochtaschunow in Italien.

Die Auswertung dessen vom FBI abgehörter Telefonate hatte ergeben, dass offenbar sechs der insgesamt jeweils neun Preisrichter von Salt Lake City im Paarlauf und Eistanz beeinflusst worden waren. Ermittler der US-Bundespolizei gaben außerdem bekannt, dass Tochtaschunow in Salt Lake City einen namentlich nicht genannten Komplizen aus Kreisen des russischen Eislauf-Verbandes hatte, der den Kontakt zu den Preisrichtern herstellte.

Bach hält es für durchaus möglich, dass dies kein Einzelfall ist: "Wir müssen alles tun, damit die organisierte Kriminalität nicht auch noch in den Sport eindringen kann. Das aber kann der Sport nicht allein schaffen, dabei muss ihm die Politik helfen", sagte der ranghöchste deutsche Sportfunktionär dem sid. "Hier hilft nur die Maxime: Wehret den Anfängen." Deshalb habe er mit seinem Aufruf an das FBI und dem Brief an Schily die Initiative ergriffen.

Gleichzeitig hatte auch das Nationale Olympische Komitee der USA (USOC) in einem Schreiben an IOC-Präsident Jacques Rogge "zu schnellem Handeln in aller Härte" aufgerufen. Das kanadische IOC-Mitglied Dick Pound, Vorsitzender der Antidoping-Weltagentur (Wada) und ohnehin kein Freund des Eiskunstlaufs, deutete mögliche Konsequenzen an: "Wenn tatsächlich das organisierte Verbrechen dahinter steht, muss die gesamte Sportart aus dem olympischen Programm gestrichen werden, bis sie wieder sauber ist. Wenn es nur um eine Disziplin geht, dann muss diese eliminiert werden."

Dazu sagte Bach: "Für den Ausschluss der ganzen Sportart sehe ich im Moment noch keine Anzeichen." Man müsse auch den Versuch der ISU würdigen, die nach den Winterspielen eine Reform des Wertungssystems beschlossen habe und dürfe nicht "saubere Athleten für Machenschaften einiger Krimineller büßen lassen".

Derweil gingen die "begünstigten" Paarlauf-Olympiasieger Elena Bereschnaja und Anton Sicharulidse (Russland) in die Offensive. "Wir erwägen gerichtliche Schritte gegen die US-Fernsehsender, die unsere Namen und Fotos mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung gebracht haben", sagte Sicharulidse am Freitag. Unterstützt werden die beiden vom russischen NOK-Präsidenten Leonid Tjagatschjow: "Unsere Athleten sind in der Lage, ohne fremde Hilfe zu siegen. Das Ganze ist komplette Idiotie und passt besser nach Hollywood als in die ernsthafte Welt des Sports."

Auch die französischen Eistanz-Olympiasieger Marina Anissina und Gwendal Peizerat sollen von den Manipulationen profitiert haben. In einem der abgehörten Telefonate sagte Tochtaschunow: "Hast du Marina Anissina gesehen? Wir haben sie zur Olympiasiegerin gemacht." Zwei Tage nach der Eistanz-Kür ist eine Frauenstimme zu hören, die Tochtaschunow auf Russisch mit den Worten beschimpft: "Ich hätte auch ohne deine Hilfe Gold gewonnen."

Marina Anissina ist gebürtige Russin und lebt erst seit einigen Jahren in Frankreich. "Unsere Goldmedaille ist nicht das Resultat eines Deals mit der russischen Mafia. Diese Behauptungen sind so widerlich, verletzend und unfair", meinte Anissina in einer ersten Stellungnahme. "Gwendal und ich haben keinerlei Hilfe gebraucht, um in Salt Lake City Gold zu gewinnen" stellte die gebürtige Russin klar.

Doch nicht nur im Eiskunstlauf hat Tochtaschunow offenbar seine Finger im Spiel. Die russischen Tennisprofis Jewgeni Kafelnikow und Marat Safin gaben am Donnerstag zu, den "Taiwantschik" zu kennen. "Er ist ein guter Freund von mir", sagte Kafelnikow: "Bei seiner Verhaftung sind sicher einige Fehler passiert." Safin formulierte es zurückhaltender: "Ja, ich kenne ihn, aber was da passiert, ist nicht unser Problem. Es wäre nicht in Ordnung, wenn wir darüber reden würden."

Quelle: RPO Archiv

 
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