Der junge Russe stürmt an die Weltspitze: Safin "explodiert in geordneten Bahnen"
zuletzt aktualisiert: 06.06.2000 - 12:02Paris (dpa). Marat Safin war ein Tennis-Rüpel - und ist es in gewisser Weise noch immer. Keiner flucht und schimpft bei den French Open mehr, und keiner der Topspieler im Turnier pfeffert sein Racket häufiger auf den roten Sand. Ausgenommen vielleicht sein russischer Landsmann Jewgeni Kafelnikow. Doch das "Pulverfass" hat gelernt, in geordneten Bahnen zu explodieren. Beigebracht haben ihm dies seine neuen Berater: Trainer Andrej Tschesnokow und der frühere Becker- Manager Ion Tiriac. Seit er im April den frischen Wind zu spüren bekam, geht es für den 20-jährigen wie im Sturme voran.
"Ich muss noch ein paar Matches gewinnen, erst dann bin ich dort, wo ich hin will." Genau genommen muss Safin, der Thomas Haas in der dritten Runde düpierte, noch drei knifflige Aufgaben lösen. Dann hätte er sich den geheimen Traum vom ersten Grand-Slam-Titel tatsächlich erfüllt. Doch bei allem Selbstvertrauen bleibt der in Spanien aufgewachsene Moskowiter vorsichtig: "Ich bin froh, im Viertelfinale zu sein." Das sei eine ganze Menge, aber zufrieden ist er damit noch nicht. Safin will den Pokal. "Aber", so schränkte er ein, "schon gegen Magnus Norman wird es sehr schwer werden."
Die Viertelfinal-Partie an diesem Mittwoch, die auf den ersten Blick nur was für eingefleischte Liebhaber des weißen Sports zu sein scheint, bürgt für Qualität und Spannung. Der im Champions-Race - also der Weltrangliste der ATP-Tour - an Nummer eins geführte Norman hat sich still und leise zum Branchenführer gemausert. Auch wenn er bescheiden einräumt, "ich habe diese Position nicht verdient, Andre Agassi und Pete Sampras sind noch viel besser als ich", hat er den Platz an der Sonne dank großartiger Leistungen vollauf verdient.
Den Court Central hatte der 24-jährige Schwede aus Monaco nach Meinung der Spielplan-Macher dagegen noch nicht verdient. "Ich bin ja schon froh, dass ich nicht drüben im Wald spielen muss", konterte die Nummer eins voll bitterer Ironie. Safin fühlt sich auf dem Center Court fast schon zu Hause. Sowohl gegen Haas als auch im Achtelfinale gegen Lokalmatador Cedric Pioline durfte er dort aufschlagen. Zuletzt im Regen und auf schwerem Boden. "Das war ein Vorteil für mich."
Safin braucht die Hilfe des Wettergottes nicht zum Siegen. Seit er mit Ex-Profi Tschesnokow und Tiriac arbeitet, läuft das Tennis-Leben wie am Schnürchen. "Vor Barcelona hatte ich gerade fünf Spiele in diesem Jahr gewonnen. Dann habe ich mit Andrej angefangen und seither läuft es bei mir", bemerkte der Weltranglisten-Neunte. Er gewann die Sandplatz-Turniere in der Olympiastadt, wo er auch Norman schlug, und auf Mallorca und verlor im Finale am Hamburger Rothenbaum erst im Tiebreak des fünften Satzes gegen Gustavo Kuerten.
Vorbei sind die Zeiten, als der Heißsporn wie wild auf die Filzkugel eindrosch, ohne taktischen Plan und klares Karriere-Ziel. Tschesnokow habe einige Dinge verändert, nicht nur in seinem Spiel. "Ich vertraue ihm vollkommen." Das gilt auch für Tiriac. "Er ist clever. Er kennt sich aus im Geschäft", meinte Safin und fügte hinzu: "Vor ein paar Monaten hieß es, der Safin ist am Ende, fertig. Dabei hatte meine Karriere noch gar nicht richtig begonnen."
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