Daviscup: Haas gewinnt sein Einzel souverän: Schüttler verliert die Nerven und das Spiel
zuletzt aktualisiert: 04.02.2000Leipzig (sid). Vor den Augen des nach wie vor allgegenwärtigen Boris Becker ist Tommy Haas seiner Verantwortung als Leitfigur des deutschen Tennis einmal mehr gerecht geworden, Rainer Schüttler versagte dagegen auch in seinem zweiten Daviscupeinzel auf der ganzen Linie. Beim Auftakt der Weltgruppe 2000 gegen die Niederlande in Leipzig sorgte Haas durch ein 4:6, 7:6 (7:4), 6:3, 6:2 gegen John van Lottum nach 2:40 Stunden und erheblichen Startschwierigkeiten für die 1:0-Führung und verbesserte seine Daviscup-Bilanz seit April 1998 auf 8:1.
Schüttler verlor nach einer phasenweise jämmerlichen Leistung und acht vergebenen Satzbällen im zweiten Durchgang gegen Sjeng Schalken mit 6:3, 6:7 (2:7), 1:6, 0:6 und verpasste damit absolut kläglich das möglicherweise bereits vorentscheidende 2:0. Am Samstag (ab 15.30 Uhr/live in der ARD) stehen sich im Doppel Marc Goellner/David Prinosil und Paul Haarhuis/Jan Siemerink gegenüber.
Fast zwei Sätze brauchte Haas, um den bis dahin fast fehlerlosen van Lottum in den Griff zu kriegen. "Ich habe seit dem 8. November nur vier Matches gespielt und davon zwei verloren", meinte Haas: "Mir fehlen noch eine ganze Menge Matchpraxis und das nötige Vertrauen in mein Spiel." Dass er bald wieder so selbstbewusst und erfolgreich spielt wie im letzten Jahr, soll unter anderem der Großmeister des deutschen Tennis möglich machen: "Ich erhoffe mir sehr viel von der Zusammenarbeit mit Boris Becker. Ich brauche jemanden wie ihn, der so erfahren ist und so erfolgreich war." Während des Matches habe er immer wieder zu Becker geschaut: "Er gibt mir keine Handzeichen oder sowas. Wir sehen uns einfach nur an, das ist ein tolles Gefühl. Es gibt mir viel Sicherheit."
Becker feierte den Sieg seines Schützlings so, wie er einst seine eigenen zelebrierte. Stoisch und mit unbewegter Miene ballte der "Baron" nach dem Matchball beide Fäuste, anerkennend und mit sichtlicher Genugtuung nickte er Haas zu. "Tommy hat sich gut aus der Affäre gezogen und sich auch nicht versteckt, als es nicht so gut lief", lobte Becker: "Er hat in den entscheidenden Situationen mit viel Mut die wichtigen Punkte gemacht, mit so einer Einstellung gewinnt man große Turniere." Kein Wort des Bedauerns über die Abwesenheit des rebellischen Nicolas Kiefer: "Ich will nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen, das brennt sowieso schon lichterloh."
Haas zu Beginn ohne IdeenDem keinesfalls unumstrittenen Daviscup-Kapitän Carl-Uwe Steeb fiel nach dem verwandelten Matchball von Haas ein Stein vom Herzen: "Ich hatte zwar von Anfang an gehofft, dass van Lottum sein Niveau nicht halten kann, aber sicher ist sowas natürlich nie. Hätte Tommy den Tiebreak im zweiten Satz verloren, dann hätte das Match ganz anders ausgehen können."
Bis zu diesem Tiebreak war van Lottum der dominierende Mann auf dem Platz. Haas spielte zu passiv, zu ideenlos und machte viele Fehler mit der Rückhand. Der Deutsche schien ohne jeden Plan auf dem Platz zu stehen, seine Streuung war enorm, er verharrte fast ängstlich an der Grundlinie und traute sich kaum einmal ans Netz. Van Lottum spielte kluge Winkel und ließ seinen prominenten Gegner gerne ins Leere laufen. 4.500 Zuschauer in der nur wenig mehr als halbvollen Halle wurden zudem von etwa 100 niederländischen Schlachtenbummlern lautstark in Schach gehalten.
Erst einmal hatten Haas und van Lottum gegeneinander gespielt, 1998 in Wimbledon. Damals verlor Haas in der dritten Runde, nachdem er zuvor in Runde zwei den seinerzeit desolaten Andre Agassi besiegt hatte. Dieses Mal sollte es besser laufen, obwohl Haas mit einiger Skepsis in die Partie gegangen war: "Ich war mir über seine Spielstärke nicht ganz im klaren. Außerdem hatte ich bisher wahrlich kein so gutes Jahr." Zweitrunden-Niederlagen in Auckland gegen den weithin unbekannten Spanier Juan Balcells und bei den Australian Open in Melbourne gegen den Marokkaner Younes El Aynaoui, dazu rätselhafte Probleme in der Hüfte und im Rippenbereich hatten Haas ins Grübeln gebracht.
Schüttler mit anfängerhaften FehlernDoch wie immer, wenn er im Daviscup antritt, wuchs der Geschwindigkeits-Fanatiker Tommy Haas über sich hinaus: "Im Daviscup brauche ich keine Extra-Motivation. Zu wissen, dass ich für mein Land spiele, setzt alle Reserven bei mir frei, es ist eine Ehre für mich." Zwar gewann Tommy Haas den Tiebreak gegen van Lottum nach einigen umstrittenen Punkten nur mit sehr viel Glück, doch danach hatte er das Match unter Kontrolle.
Das konnte man von Schüttler wahrlich nicht behaupten. Anderthalb Sätze lang spielte der Schützling von Trainer Dirk Hordorff hervorragendes Tennis und führte bereits mit 6:3, 4:2, doch dann gelang Schüttler nichts mehr. Beim Stand von 5:3 im zweiten Durchgang vergab er vier Satzbälle, bei eigener 6:5-Führung die nächsten vier, danach war sein Widerstand gebrochen.
Mit teilweise anfängerhaften Fehlern überließ er Schalken das ganze Match und verlor am Ende fast ohne Gegenwehr. In der Playof-Runde im September 1999 in Bukarest hatte Schüttler sein Daviscup-Debüt gegen Andrei Pavel wegen einer Blockade im Handgelenk ebenfalls sang- und klanglos verloren.
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