Neue Perec-Erfahrung: Training bis zum Erbrechen: Seit zwei Wochen trainiert die Französin bei Wolfgang Meier
zuletzt aktualisiert: 18.02.2000Neuss (sid). Das Bäumchen der Marita Koch hat Marie-Jose Perec gleich zu Beginn der Zusammenarbeit kennengelernt. An seinem Stamm hielt sich die Rostocker Ausnahmeläuferin laut Trainer Wolfgang Meier immer fest, wenn ihr nach brutalen Tempoläufen "das Essen aus dem Gesicht fiel". Eine Übung, die inzwischen auch zum "Programm" von Frankreichs Leichtathletik-Star gehört. Denn seit zwei Wochen trainiert sie beim Ehemann der Rostocker Weltrekordlerin (47,60) für das in Sydney erhoffte dritte 400-m-Gold bei Olympia.
"Ich habe nie so hart geschuftet wie jetzt", stellt die 32 Jahre alte Perec nach wenigen Tagen gemeinsamer Arbeit fest und Meier (57), der nach einer Bypass-Operation 1997 jahrelang keinen Trainerjob, aber dafür "ein paar Löcher im Tagesablauf" hatte, sagt: "Statt fünfmal wie bei John Smith in Kalifornien trainiert Marie-Jose nun elfmal die Woche. Ich glaube, so richtig ausgereizt war sie im Training noch nie."
Die ungewöhnliche Liaison kam binnen weniger Tage zustande. Und sie hatte eine Vorgeschichte. Meier: "Als wir uns im Herbst 1992 nach ihrem Olympiasieg in Barcelona bei einem Seminar in Paris trafen, habe ich Marie-Jose mehr scherzhaft gesagt, wenn in Sachen Trainer mal Not am Mann sei, solle sie sich bei mir melden. Und dann klingelte kürzlich das Telefon. Freunde von ihr erkundigten sich, ob dieses Angebot noch gelten würde. Ich sagte: Ja."
Tage später stand die Perec mit ihrem Freund Anthuan Maybank, Schlussläufer der siegreichen amerikanischen 4x400-m-Staffel bei Olympia in Atlanta, auf der Matte. Meier: "Wir diskutierten bis in die Nacht hinein. Am nächsten Tag war Probetraining. Dann reisten beide nach Paris und packten dort die Koffer."
Bevor man ins Training einstieg, ließ Wolfgang Meier die Leistungsfähigkeit der Perec wissenschaftlich überprüfen. Er glaubt nun zu wissen, dass die Frau, die 1996 in Atlanta Gold über 200 und 400 m gewonnen hatte, das Pfeiffersche Drüsenfieber ohne Langzeitfolgen überstanden hat. Denn bei John Smith, Trainer von 100-m-Weltrekordler Maurice Greene und anderen US-Stars, war sie zwei Jahre lang nicht mehr auf die Beine gekommen.
Wolfgang Meier weiss, dass bei einem solchen Neubeginn nicht viel Zeit bleibt bis Sydney: "Wir müssen jetzt hart arbeiten, wenn Marie-Jose ihr drittes 400-m-Gold gewinnen will. Ich werde alles tun, um das gegen Grit Breuer und Anja Rücker zu erreichen", sagt Meier hinsichtlich eines möglichen Duell mit der deutschen Hallenweltmeisterin und der WM-Zweiten von Sevilla.
Hinweggesetzt hat man sich in der neuen Zusammenarbeit über unschöne Worte der Vergangenheit. In Anspielung auf die Koch-Marke von 48,25 hatte die Perec in Atlanta gesagt: "Mein Rekord ist sauber und für mich der beste der Geschichte."
Worte, die in der französischen Öffentlichkeit noch heute wirken. "Sie weiß, dass man sie verdächtigen wird", sagt Richard Descroux, Technischer Direktor ihres nationalen Verbandes. Doch die Perec lässt keinen Zweifel daran, dass man absolut sauber arbeiten werde und sichert zu: "Man kann mich jederzeit kontrollieren."
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