Urlaub statt Stress: Sydneys Einwohner fliehen vor Olympia
zuletzt aktualisiert: 21.08.2000 - 11:40Sydney (sid). Transportchaos, Grippewelle, Blutmangel und jetzt wird auch noch das Bier knapp: Immer mehr Einwohner Sydneys haben allmählich die Nase voll. Nach einer Umfrage eines Olympia-Sponsors planen etwa 560.000 der knapp vier Millionen Sydneysider Urlaub vom vorausgesagten Chaos - 55 Prozent davon so weit weg wie möglich in Übersee. Begünstigt wird die Abwanderungswelle von den niedrigsten Flugpreisen seit Jahrzehnten. Ein Ticket nach Melbourne ist beispielsweise ab 40 Mark zu haben.
"Die Spiele machen uns krank", titelte eine Zeitung am Sonntag über einen Bericht, wonach sich die Zahl der Grippekranken wegen der "hektischen Olympia-Aktivitäten" in Sydney in der letzten Woche verdoppelt habe. Weitere Negativ-Nachricht: Das Rote Kreuz hat 30 Prozent weniger Blutkonserven als sonst auf Lager und befürchtet, dass der "rote Saft" angesichts der erwarteten 500.000 Olympia-Touristen knapp wird. PR-Managerin Linda Fagan fordert daher sogar die Besucher aus Übersee zur Spende auf. Neben Blut fehlt es in der Olympistadt auch an der höchst beliebten Biermarke "Cascade Premium", nachdem in Tasmanien ein Alkohol-Zug aus den Gleisen sprang.
Apropos Entgleisungen: Einer der Hauptgründe für die "Massenflucht" ist das befürchtete Transportchaos auf den ohnehin staubelasteten Straßen und in der Stadtbahn, deren Züge seit Jahresbeginn schon ohne Olympia über 30 Mal aus den Gleisen hüpften. Zudem vermittelten Politiker und Olympia-Organisatoren in den vergangenen Monaten den Eindruck, dass sie am liebsten so wenig wie möglich echte Sydneysider bei den Spielen dabei haben wollen.
Anita deFranz, Vizepräsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), beispielsweise erklärte den Einwohnern, dass "sie sich die ganze Sache doch am Fernseher anschauen" könnten: "Sie müssen nicht flüchten, aber bitte benutzen sie das Transportsystem während dieser zwei Wochen nicht."
Zudem wurden die Schulferien vorgezogen, so dass selbst Sydneys Oberbürgermeister Frank Sartor erwartet, dass "80.000 der 250.000 Arbeitskräfte in der Innenstadt Urlaub machen". Ihre Häuser können viele der "Flüchtigen" in der Olympia-Zeit auch noch zu Höchstpreisen von bis zu mehreren tausend Mark pro Nacht vermieten - damit ist das Taschengeld für einen Urlaub in Bali oder einer anderen tropischen Insel gesichert. Die Einsicht, dass wegen der Fluchtwelle die besten Käufer für die immer noch verbliebenen über zwei Millionen Tickets im Wert von 200 Millionen Mark für den Ausgleich des Olympia-Budgets fehlen, kam bei den Olympia-Organisatoren zu spät. Während 1994 noch 59 Prozent der Sydneysider "definitiv" die Wettkämpfe besuchen wollten, sind es jetzt noch ganze 31 Prozent. 19 Prozent und damit die höchste Zahl in ganz Australien sagen gar, dass sie "negativ" gegen die Olympischen Spiele eingestellt sind.
Mit der Welt vor der Tür versuchen sich die Olympier jetzt in Schadensbegrenzung. Die 370.000 Pässe für die Flaniermeile rund um das Wettkampfzentrum "Olympic Park" sollen nach der Entscheidung von Olympiaminister Michael Knight kostenlos und hautsächlich an Familien ausgegeben werden. Oberbürgermeister Sartor fordert die "Einheimischen" auf, doch in die "Innenstadt zu kommen, die Atmosphäre aufzusaugen und sich am Karneval zu begeistern".
Auf sechs kostenlosen Live-Bühnen treten in 18 Tagen ab dem 14. September insgesamt 220 Künstler auf. Selbst die Top-Band Savage Garden können die Sydneysider (und natürlich die Olympia-Touristen) kostenlos bewundern. "Einige Einwohner sagen, dass sie Sydney verlassen wollen. Ich sage - sie sind verrückt. So etwa werden sie nie wieder sehen", meint Sartor.
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