Ermittlungen gegen Figueras und Osa: Teams boykottieren Renn-Stopp - Jan Ullrich gelassen
zuletzt aktualisiert: 15.06.2001 - 16:53Rom (rpo). Die italienischen Rennställe werden sich nicht an den vom nationalen Radsport-Verband (FCI) angeordneten Wettkampf-Stopp halten und bei Rennen im Ausland an den Start gehen. Mit der Zwangspause hatte der FCI auf den Dopingskandal beim 84. Giro d´Italia reagiert. Derweil gibt sich Jan Ullrich bezüglich der gegen ihn erhobenen Dopingvorwürfe gelassen.
"Wir haben nichts zu befürchten", sagte der Telekom-Kapitän am Freitag im ZDF- Morgenmagazin und erklärte: "Ich bin Asthmatiker und brauche gegen meine Beschwerden Sprays und Tabletten, und wenn es schlimm kommt Kortison. Aber das ist alles kein Problem, das steht in meinem Gesundheitspass, nicht nur mein Arzt, auch der des Weltverbandes weiß Bescheid. Ich lasse mich in meiner Vorbereitung auf die Tour de France nicht beirren und mir mein großes Ziel nicht vermiesen." Ullrich trainierte am Freitag auf den Tour-Strecken in den Vogesen.
Der Tour-Sieger von 1997 aus Merdingen wiederholte damit die Argumente des Telekom-Teamarztes Lothar Heinrich, der erklärt hatte, dass Ullrich gegen allergisches Asthma Kortekoid-Inhalationen verschrieben bekam. Das Hormon Kortison, das auch Schmerz- und Erschöpfungs-Zustände unterdrücken kann, steht auf der Doping-Liste, gilt bei ärztlicher Verschreibung aber nicht als Regelverstoß. Der zweifache Tour-Sieger Lance Armstrong (USA) hatte 1999 bei der Tour eine kortekoidhaltige Salbe gegen Sitzbeschwerden eingesetzt.
Unterstützung erhält Ullrich auch vom Anti-Doping-Experten Dr. Helmut Pabst. "Kortekoid wirkt nur leistungsfördernd, wenn man es in Tablettenform oder durch eine Spritze verabreicht bekommt. Kortekoid-Inhalationen nehmen dagegen keinen Einfluss auf die Leistung", erklärte der Münchner in der Samstagausgabe der Abendzeitung. Nach eigener Aussage benutzt der Merdinger das Medikament allerdings nur als Spray und könnte folglich keine Leistungsvorteile daraus schöpfen.
Unterdessen warnt Wilhelm Schänzer, der Leiter des Instituts für Biochemie in Köln, vor der nächsten Generation von Mitteln, die im Leistungssport zum Missbrauch genutzt werden können. Beispielsweise solle im Giro-Tross RSR 13 gefunden worden sein, das die Abgabe von Sauerstoff verbessert. "Im Sport wird mit Substanzen gearbeitet, die leider nicht nachgewiesen werden können. Oder Wachstumshormone wie das gefundene Saizen - das können die Kontrollen im Augenblick gar nicht abdecken", schildert der Antidoping-Experte die Situation. "Und es gibt einen kritischen Bereich zwischen Ernährung und Nahrungsergänzung."
Die italienischen Rennställe werden sich derweil nicht an den vom nationalen Radsport-Verband (FCI) angeordneten Wettkampf-Stopp halten und bei Rennen im Ausland an den Start gehen. "Wir fahren weiter", erklärte Franco Ballerini vom Mapei-Quick-Step-Team. Mit der Zwangspause hatte der FCI auf den Dopingskandal beim Giro reagiert.
Nach Angaben der Zeitschrift "Panorama" ermittelt die Staatsanwaltschaft in Florenz neben Ullrich auch gegen den Giro- Dritten Unai Osa (Spanien) und Giuliano Figueras (Italien) wegen Verstoßes gegen das Dopinggesetz. In Florenz wurden diese Meldungen am Freitag nicht kommentiert. "Wir nennen keine Namen", sagte Staatsanwalt Luigi Bocciolini, der offiziell "gegen 86 Personen, darunter bis zu 60 Fahrer, ermittelt".
Die ersten Verhöre der Verdächtigten finden nach Angaben der "La Gazzetta dello Sport" frühestens Anfang nächster Woche in Florenz statt. Dann wird auch Ullrich die Möglichkeit haben, die gegen ihn erhobenen Dopingvorwürfe zu entkräften. "Die Polizei hat keine Ahnung, welche Medikamente im Radsport manchmal nötig sind. Sie sollten sich beim Italienischen Olympischen Komitee erkundigen", sagte Telekom-Teamchef Rudy Pevenage am Freitag.
Auch Figueras fühlt sich zu Unrecht verdächtigt. Bei ihm sei ein Schmerzmittel mit dem verbotenen Kortison gefunden worden. "Dies war therapeutisch nötig. Das steht in meinem Gesundheitsbuch", sagte der 25-jährige Italiener, der deshalb keinerlei Konsequenzen fürchtet. Andere Meldungen, wonach gegen sieben deutsche Fahrer ermittelt werde, entbehren jeder Grundlage: Am Giro nahmen nur vier deutsche Profis teil.
Kaum Konsequenzen wird auch der vom FCI am Mittwochabend auf die dringende Bitte des Nationalen Olympischen Komitees (Coni) hin angeordnete Rennstopp haben. Ab 18. Juni wird bis zur Verabschiedung eines Ethik-Kodex? zur Doping-Bekämpfung von der Jugendklasse bis hin zur Profi-Rundfahrt in Italien kein Rennen mehr ausgetragen werden. Außerdem hatte der Verband die Teams aufgefordert, in dieser Zeit auch international nicht anzutreten. "Unmöglich", entrüsteten sich die Teams, die ihre vertraglichen Verpflichtungen bei den anstehenden Rennen in Spanien und der Schweiz erfüllen wollen.
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