French Open in Paris: Tennis: Venus Williams hakt Paris als "Betriebsunfall" ab
zuletzt aktualisiert: 29.05.2001 - 11:26Paris (rpo). Sie saß da wie ein Schulmädchen, das vergessen hat, seine Hausaufgaben zu machen. Mit unschuldiger Miene, aber durchaus gefasst referierte Venus Williams im großen Interviewraum von Roland Garros über ihren sensationellen Abgang am ersten Tag der French Open - 4:6, 4:6 gegen die Österreicherin Barbara Schett.
"Ich hätte nicht im Traum gedacht, dass es so ausgehen könnte", gestand die baumlange Amerikanerin und rang sich ein kleines Lächeln ab: "Es war ein rauer Tag für mich. Ich habe einfach nicht normal gespielt. Aber es ist kein Rückschlag, nur eine Niederlage."
Nur eine Niederlage? Viermal hatte Venus Williams zuvor gegen Barbara Schett gespielt, dabei nicht einen Satz abgegeben. Das fünfte Duell lief ein bisschen anders. Nach 91 Minuten verwandelte die 25-jährige Österreicherin (25. der Weltrangliste) vor 10.000 fassungslosen Zuschauern auf dem Court Suzanne Lenglen den ersten Matchball gegen die Weltranglisten-Zweite. Schett konnte ihr Glück kaum fassen, Williams packte gelassen ihre Tasche und schlenderte vom Platz.
Nur eine Viertelstunde nach der Französin Amelie Mauresmo, die ebenso sensationell 5:7, 5:7 gegen Jana Kandarr (München) verlor, war die zweite Turnierfavoritin raus - das Feld scheint offen zu sein für Kandarr, Schett, Huber und Co. Immerhin ist die am höchsten eingestufte Spielerin in der unteren Hälfte des Tableaus nunmehr die Russin Elena Dementjewa (Nr. 7).
Vermutlich konnte sich Martina Hingis ein Lächeln nicht verkneifen, als sie von den seltsamen Ereignissen des ersten Tages erfuhr. Schon jetzt steht fest, dass die Weltranglisten-Erste die French Open auch als Nummer eins verlassen wird. Zudem sind die Chancen enorm gestiegen, dass die 20-jährige Schweizerin, die in Paris wieder mit Mutter Melanie Molitor als Trainerin antritt, nach zweieinhalb Jahren ohne Grand-Slam-Titel (Australian Open 1999) endlich mal wieder ein großes Turnier und zudem erstmals in Paris gewinnt.
Trotz ihres schnellen Abschieds konnte sich Venus Williams einen Seitenhieb gegen die geliebte Erzrivalin nicht verkneifen. "Ich glaube nicht, dass es leichter wird für Martina", sagte die gestürzte Favoritin trotzig: "Wer sich zu früh zurücklehnt, kriegt schnell Probleme."
Sie selbst hakte Paris als Betriebsunfall ab: "Das ist nicht der glücklichste Tag meines Lebens, aber was soll ich jetzt noch dagegen machen?" Wie es tief drinnen aussah, ging keinen etwas an. Dennoch sollte sich Venus Williams allmählich Sorgen machen. Nur zwei Turniere (Miami und Hamburg) gewann die Wimbledonsiegerin 2000 in diesem Jahr, bei den Australian Open scheiterte sie im Halbfinale an Martina Hingis, zuletzt in Berlin verlor sie schon im Achtelfinale gegen die Begierin Justine Henin.
Den größten Schaden aber nahm ihr Image. Die Pfiffe der Zuschauer in Indian Wells, als Venus zum Halbfinale gegen ihre Schwester Serena wegen einer angeblichen Knieverletzung nicht antrat, sind noch lange nicht vergessen. Die Medien warfen Vater Richard Williams Manipulation und Stallregie vor, der reagierte gewohnt scharf und sprach von Rassismus. Es wird Zeit, dass der Williams-Clan wieder positive Schlagzeilen schreibt. Immerhin: In Paris treten Serena und Venus noch gemeinsam im Doppel an.
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